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„Ich muss Chef sein“: Becker will Zverev nicht trainieren
Tennis-Legende Boris Becker steht Rede und Antwort
Tennis-Legende Boris Becker steht Rede und Antwort

Tennis-Legende Boris Becker kann sich nicht vorstellen, Alexander Zverev zu trainieren. „Ich muss der Chef im Ring sein. Wenn dann ein Familienmitglied eine andere Meinung hat, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, in diesem Fall Russisch, dann geht es nicht“, sagte Becker dem „Spiegel“.

Zverev wird seit seiner Kindheit von Vater Alexander gecoacht, auch Bruder Mischa ist eng in die Karriere eingebunden. Becker bezeichnete das Umfeld des zweimaligen Grand-Slam-Siegers als „Familienunternehmen“, in dem alle an Werbeverträgen und Preisgeldern mitverdienten. 

Neben den Machtverhältnissen im Trainerteam spielen für Becker auch private Gründe eine Rolle. „Der Job des Tennistrainers bedeutet extrem viel reisen, fast jede Woche. Das möchte ich meiner Familie nicht antun“, sagte der 53-Jährige der von 2013 bis 2016 erfolgreich Novak Djokovic betreut hatte.

Will Zverev in Deutschland „geliebt“ werden, „muss er etwas dafür tun“

Eine Tätigkeit als Mentor könne er sich dagegen vorstellen – etwa bei einzelnen Grand-Slam-Turnieren, Masters-Events oder im Trainingslager. Entsprechende Anfragen gebe es bereits, Namen wollte Becker nicht nennen. „Aber dass ich im August meine Koffer packe und im Oktober erst wieder nach Hause komme, das mache ich nicht mehr“, stellte er klar.

Tennis, French Open, Grand Slam, ATP-Tour, Einzel, Männer, Finale, Cobolli (Italien) - Zverev (Deutschland). Der Sieger  Alexander Zverev aus Deutschland hält die Trophäe und seinen Dackel Mishka, während er für ein Foto mit seinem Bruder Mischa Zverev, links, Vater Alexander Zverev Sr. und Mutter Irina Zvereva, rechts, mit der Trophäe feiert.
Alexander Zverev hält die French-Open-Trophäe, während er für ein Foto mit seinem Bruder Mischa Zverev, Vater Alexander Zverev und Mutter Irina Zvereva posiert

Darüber hinaus äußerte sich Becker kritisch zu Zverevs Wahrnehmung in Deutschland. Demnach fehle es dem 29-Jährigen an Nahbarkeit und Verbundenheit mit seinen Fans. Besonders bei Zverevs drei Grand-Slam-Finals des Jahres (in Paris, London und New York) habe die Mehrheit der Zuschauer den jeweiligen Gegner unterstützt, was aus Beckers Sicht „nicht gut“ sei und „Gründe“ habe. Becker wörtlich:

„Er muss vielleicht ein bisschen mehr zulassen. Ich habe ihn privat erlebt, er hat Charme, er ist witzig, er ist in Ordnung. Aber vielleicht sieht er das nicht als wichtig genug an.“

Der sechsmalige Grand-Slam-Champion betonte, dass Zverev als neue Nummer eins der Tenniswelt eine größere Verantwortung trage. Diese Rolle verändere nicht nur Status, Wahrnehmung und Bedeutung, sondern fordere auch mehr Engagement ein. Wenn es für Zverev wichtig sei, „dass er mehr respektiert wird und vielleicht sogar geliebt, vor allem in seinem Heimatland Deutschland, dann muss er etwas dafür tun“, betonte Becker.

Vorwürfe häuslicher Gewalt: „Man hätte es besser erklären können“

Becker verglich Zverevs Situation mit seiner eigenen Karriere; in den 80er und 90er Jahren waren dem gebürtigen Leimener die Herzen der deutschen Sportfans im Überschwang zugeflogen. Warum dies bei Zverev anders sei? Beckers Mutmaßung schlägt den Bogen zum Familienunternehmen Zverev:

„Seine Eltern kommen aus Russland, er spricht auf dem Platz Russisch mit seiner Box. Politisch äußert er sich überhaupt nicht zum Krieg in der Ukraine, was ich persönlich verstehe, aber es kommt natürlich nicht so gut an.“

Alexander Zverev mit einer Deutschland-Flagge
Alexander Zverev mit einer Deutschland-Flagge

Zverevs „Gold-Kettchen als Glücksbringer“ und seinen oft „schroffen“ Umgang mit deutschen Journalisten nannte Becker als zusätzliche Faktoren.

Auch Vorwürfe häuslicher Gewalt gegen Zverev hätten dessen öffentliche Wahrnehmung beeinträchtigt. „Das wurde vor Gericht gelöst. Ich bin weder ein Richter noch ein Ankläger, aber man hätte es im Nachhinein mit bestimmten PR-Maßnahmen besser erklären können“, sagte Becker dazu.

Becker lobt Zverevs Tennis-Entwicklung

Rein sportlich fand der 58-Jährige lobende Worte für die Entwicklung, die Zverev an die Weltspitze führte. Becker bekannte, dass Zverev sein Tennis angepasst habe, indem er dichter an der Grundlinie stehe und dadurch aggressiver agieren könne. Früher habe er sich zu passiv verhalten, was gegen Topspieler wie Novak Djokovic, Jannik Sinner und Carlos Alcaraz ein permanenter Nachteil gewesen sei.

Seit diesem Montag führt Zverev erstmals das ATP-Ranking an. Schon jetzt ist klar, dass er die Nummer-eins-Position länger als Becker innehaben wird. Das Verhältnis der beiden deutschen Tennis-Ikonen gilt seit Jahren als komplex.

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