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Federer oder Wawrinka? Die Schweiz liebt ihre Glaubensfragen

Analyse

Federer war Leichtigkeit, Wawrinka war Leiden – in welchem Team sind Sie?

Aromat oder Maggi? Migros oder Coop? Federer oder Wawrinka? Die Schweiz liebt ihre kleinen Glaubensfragen. Warum sie zentral sind für unsere Identität.

Stan Wawrinka nach seinem letzten Ernstkampf. Keystone

Kennen Sie diese Diskussionen vom Küchentisch? Sind sie im Team Paprikachips oder Nature? Aromat oder Maggi? Raclette oder Fondue? Patent Ochsner oder Züri West? Migros oder Coop? Eishockey oder Fussball? Oder eben: Wawrinka oder Federer?

Manchmal ist es erstaunlich, wie wir uns in diesem Land einteilen. Nicht entlang grosser Ideologien, sondern anhand kleiner Dinge des Alltags. Sie drücken Zugehörigkeit aus, sind Codes unseres Zusammenlebens und manchmal auch unserer Herkunft. Es sind keine grossen Rivalitäten, eher spielerische Auseinandersetzungen mit unserer Identität.

Dabei geht es nur vordergründig um die Frage: Was bevorzugst du? Dahinter steckt eine andere: Welche Version der Schweiz bist du?

Ich gebe es zu: Ich war all die Jahre Team Stan Wawrinka.

Nun hat er an den Swiss Indoors seinen letzten Match gespielt. Und irgendwie bin ich fast erleichtert. Ein Jahr hatten wir Zeit, Abschied zu nehmen. Das letzte Mal Roland Garros. Das letzte Mal Wimbledon. Das letzte Mal dies, das letzte Mal das. Diese letzten Spiele gingen mir nahe.

Team Wawrinka – das mag kindlich klingen und vielleicht auch etwas provinziell. Ja, wir Schweizer tun uns schwer mit unseren Weltstars. Dabei ist Federer unsere einzige globale Marke. Marco Odermatt mag in der Schweiz an die Popularität Federers herankommen. Doch Ski ist ein Sport der Alpenländer. Tennis hingegen ist eine Weltsportart wie Leichtathletik oder Schwimmen - sogar noch eine Spur exklusiver.

Es ist unbestritten: Roger Federer war der bessere Tennisspieler. Er hat mehr gewonnen, war länger die Nummer eins, spielte dieses Tennis, bei dem selbst das Schwierige leicht aussah.

Federer verkörperte immer diesen Perfektionismus. Nicht nur auf dem Tennisplatz - sondern auch auf dem roten Teppich der Met-Gala.

Federer war Leichtigkeit. Wawrinka war Leiden.

Selbst wenn der Roman grossartig spielte, blieb dieses Gefühl: Hoffentlich geht das gut. Man traute ihm den Sieg nie ganz zu, hatte immer Angst, dass er scheitert.

Wie bei den Australian Open 2014. Im Viertelfinal bezwang er nach vier Stunden Novak Djokovic, die damalige Nummer zwei der Welt. Danach wartete Tomáš Berdych. Nochmals dreieinhalb Stunden. 143 Punkte gewann Wawrinka, 142 Berdych. Ein einziger Punkt Unterschied. Und im Final gegen die Weltnummer eins, Rafael Nadal, schien plötzlich alles angerichtet. Nadal hatte Rückenprobleme – und trotzdem sass ich da und fragte mich: Packt Stan diese Chance wirklich?

Er packte sie. Mit 28 Jahren gewann Wawrinka seinen ersten Grand-Slam-Titel. Federer war bei seinem ersten 21 gewesen.

Auch das passt zu Wawrinka. Er war kein Jahrhunderttalent wie Federer. Er hat diesen Charme des Unperfekten. Der Rudolf-Steiner-Schüler; aufgewachsen auf einem Bio-Bauernhof im Waadtland. Die Eltern tätig in der Sozialarbeit. Gerade weil er keine Überfigur war, vermittelte er viel mehr dieses Gefühl von: Man kann alles erreichen, wenn man sich nur Mühe gibt.

Auf seinem Unterarm trägt er einen Satz von Samuel Beckett: «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.» Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.

Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb mir Wawrinka immer näher war.

Die wenigsten von uns sind Jahrhunderttalente. Wir haben alle unsere kleinen Krämpfe im Leben. Müssen uns wieder aufrappeln, uns beweisen. Wir haben Brüche in unserem Leben - wie Wawrinka auch. Und manchmal stehen wir auch im Schatten von jemand anderem.

Wawrinka stand im Schatten einer Lichtgestalt, einem der grössten Sportler aller Zeiten. Federer überstrahlte auch die drei Grand-Slam Titel von Stan the Man. FFederers jahrelang Spitzenposition liess Stans Bronzerang klein erscheinen. Dass auch Stan Nadel und Nole wegputzte - geschenkt.

Federer bewundern wir, mit Wawrinka identifizieren wir uns.

Team Federer oder Team Wawrinka? Natürlich ist das eine Spielerei. Vielleicht sogar ein Luxusproblem, wie so vieles in diesem Land.

Und wenn Sie mich fragen, wer der beste Tennisspieler aller Zeiten ist, antworte ich ohne zu zögern: Roger Federer, auch wenn die Zahlen etwas anderes sagen. Statistisch gesehen ist Novak Đoković überragend.

Aber wenn Sie mich fragen, in welchem Team ich bin? Stan. Für immer Stan.

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