Zurück
Natürlich möchte Marc Bartra lieber über die schönen Momente sprechen, die besonderen Erinnerungen, die Vorfreude auf die Rückkehr. „Zurückzukehren und dabei Betis in einem so besonderen Wettbewerb zu vertreten, ist ein Geschenk“, sagt Marc Bartra, einst Innenverteidiger von Borussia Dortmund, vor dem Spiel mit Betis Sevilla in der Champions League (Mittwoch, 21 Uhr/DAZN). „Ich freue mich riesig darauf und empfinde Dortmund gegenüber eine große Verbundenheit.“
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Worte, die man oft hört, wenn ein Spieler mit seinem neuen Klub beim einstigen Arbeitgeber gastiert, und das passiert ja ständig im Wanderzirkus Profifußball. Aber Bartras Rückkehr ist eben keine gewöhnliche. Es ist eine Geschichte davon, wie der Fußball von einem auf den anderen Moment absolut unwichtig werden kann – selbst für die, deren Lebensinhalt er doch ist. Eine Erzählung von großem Glück inmitten eines unfassbaren, schrecklichen Ereignisses. Und ein Lehrstück darüber, wie schnell die Show dann doch weitergehen muss, wie unerbittlich das Hamsterrad sich weiterdreht.
Marc Bartra saß im April 2017 im Dortmunder Mannschaftsbus, als ein Attentäter daneben drei Sprengsätze hochgehen ließ – mit dem irrwitzigen Plan, den BVB-Aktienkurs zu drücken, um durch Leerverkäufe daran zu verdienen. Es war großes Glück, dass es lange nicht so schlimm kam, wie es sich der Attentäter ausgemalt hatte. Bartra war der einzige Verletzte, Metallsplitter hatten sein Handgelenk durchbohrt. Ähnliche Splitter fanden Ermittler später auch in der Kopfstütze unmittelbar neben Bartras Platz. Er hatte also gewaltiges Glück gehabt, seine Mitspieler sowieso.
Aber das sagt sich leicht, wenn man nicht selbst im Bus saß. Wer die Spieler tags darauf erlebte, nach dem vollkommen bedeutungslos gewordenen Champions-League-Viertelfinalspiel gegen die AS Monaco, der bekam eine Ahnung, was dieses Ereignis bedeutete. Und wer sie rund ein Jahr später beim Gerichtsprozess gegen den Bombenleger erlebte, der ahnte, wie sehr dieses Attentat nachwirkte.
„Ich habe gelernt, das Leben, meine Familie, meine Mitspieler und die kleinen Dinge, die wir manchmal für selbstverständlich halten, mehr zu schätzen“, sagte Bartra nun vor der Rückkehr dem SID. „Deshalb wird Dortmund immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.“ Beim BVB, betont der 35-Jährige, „war ich glücklich“. Aber natürlich war dieser Anschlag eine Zäsur, die alles veränderte. Die den BVB zerriss und natürlich auch den Innenverteidiger Bartra. Vor diesem schrecklichen 11. April 2017 schien er angekommen in Dortmund, war der beste schwarz-gelbe Innenverteidiger, elegant am Ball, stark im Stellungsspiel, kaum zu bezwingen in Luftduellen und sicher im Zweikampf.
Und danach? Im Sommer musste Trainer Thomas Tuchel gehen, der Anschlag und seine Nachwirkungen hatten die Spannungen zu seinen Vorgesetzten offen zutage treten und weiter eskalieren lassen. Es kam Peter Bosz und mit ihm Co-Trainer Albert Capellas, früherer Leiter der sagenumwobenen Nachwuchsschmiede La Masia beim FC Barcelona. Auch Bartra war durch seine Schule gegangen, und Capellas erkannte den einst so unbeschwerten jungen Mann kaum wieder.
Vielleicht auch, weil zur Verarbeitung gar keine Zeit blieb. Schon einen Tag nach dem Attentat mussten die Mannschaftskollegen das abgesagte Monaco-Spiel nachholen. Und schon am 20. Mai, ganz 39 Tage nach dem Anschlag, stand Bartra im Ligaspiel gegen Werder Bremen wieder auf dem Platz. Eine Woche später holte er mit Dortmund den DFB-Pokal. „Ich erinnere mich noch an die glücklichen Gesichter unserer Fans beim Umzug durch die Stadt“, sagt er. Es war ein Lichtstrahl inmitten „sehr schwieriger Momente“.
Dennoch: Der Katalane aus Sant Jaume dels Domenys brauchte eine Luftveränderung, das war klar. Obwohl Mitspieler und Vorgesetzte den freundlichen Kerl mit den sanften Augen über die Maßen schätzten. „Er ist ein ganz feiner Mensch. Wir freuen uns alle auf das Wiedersehen“, sagt BVB-Präsident Hans-Joachim Watzke. „Nur seine Kopfballtore soll Marc lieber gegen andere Gegner machen.“ Am Mittwochabend geht es dann nämlich doch vor allem um Fußball, so wünscht es sich ja auch Marc Bartra – und freut sich auf dieses Gefühl des Rumpelns in den Zehenspitzen.
„Manche Stadien hört man – andere spürt man“, erklärt er. „Man kann in großartigen Stadien spielen, aber das Gefühl im Westfalenstadion lässt sich schwer in Worte fassen. Eine brutale Energie.“ Wenn 25.000 Menschen singen und springen, „dann hat man das Gefühl, dass das Stadion ein eigenes Leben hat. Alles bebt, sogar der Boden. Das muss man selbst erleben.“ Und das sind dann die Erinnerungen, die man nie wieder vergessen will.