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Es gibt gewisse Signale in der Geschäftswelt, die sind schlicht unmissverständlich. Die gelten auch in der Welt des Fußballs, womöglich leuchten sie da noch deutlicher, weil nicht allerorts Manager am Werk sind, sondern berufene, in Verbandsagenden oder doch vorrangig in eigener Sache aktiv-vernetzte Funktionäre global in Erscheinung treten. Weil es die Fußballwelt nicht geschafft hat oder besser, ihre Funktionäre aus 211 Verbänden geschlossen gar nicht wollten, nach Bekanntwerden des Skandals um den geplanten Verkauf von WM-Anteilen sofort einen Fifa-Kongress einzuberufen, um Präsident Gianni Infantino mit qualifizierter Mehrheit per Misstrauensvotum zu entfernen, verebbte all die Empörung zusehends. Jetzt, fast drei Monate später, wirkt alles nur noch „wie ein Sturm im Wasserglas“, erzählte ein der Uefa nahestehendes Verbandsmitglied der „Presse“. Und Infantino sitzt jetzt sogar noch fester im Sattel denn je.
Ein Fifa-Chef könnte abtreten wie ein Bundesparteiobmann, doch das würde Infantino niemals tun. Die nicht erst seit der WM infrage gestellte Ethikkommission der Fifa könnte ihn suspendieren. Für unzulässige, politische Auswüchse mit dem Friedenspreis oder kolportiert vereinbarter Gagen als Geschäftsführer der im WM-Verkauf federführend genannten „Fifa Forward“-Enterprise, einer Tochtergesellschaft der Fifa. Alles bloß Paragrafenwerk. Im Weltfußballverband Fifa läuft das Business weiter wie gehabt. Man vergibt die Club-WM der Frauen an die USA, plant für die WM 2030 und 2034. Und schreibt milliardenschwere TV-Verträge und Sponsordeals aus.
Bei der Wahl am 17. März in Rabat, Marokko, gäbe es die einzige realistische Chance auf einen „Change“. Sofern ein Gegenkandidat antritt – und gewinnt. Der Ex-Fußballer Ramon Vega will es jedenfalls versuchen, über David Beckham wird ebenso gemunkelt wie über Arsene Wenger. Warum er sich dieses Werk überhaupt antun soll, darüber ist sich selbst der Medienzirkus im „Mutterland des Fußballs“ uneins. PSG-Präsident und -Geldgeber Nasser Al-Khelaifi aus Katar hat längst abgewunken, Uefa-Chef Alexander Čeferin wird in Europa bleiben und auch sein Mitstreiter Victor Montagliani, Chef des Verbandes für Nord- und Mittelamerika und die Karibik (Concacaf), bleibt im gewohnten Terrain.
Also kristallisiert sich eine klare Tendenz heraus. Die Nominierungsfrist endet am 18. November, der anfängliche Widerstand gegen Infantino bröckelt massiv. Und sollte die Uefa jetzt nicht noch das berüchtigte „Kaninchen“ aus dem Hut zaubern mit einem mehrheitsfähigen Anwärter, gibt es kaum noch Zweifel daran: Infantino bleibt, wird im März 2027 mit der Wiederwahl im Amt bestätigt und bleibt dann bis 2031 Fifa-Präsident. Das nach den aktuell maximal zulässigen drei Amtszeiten, da die erste Teilperiode (2016–2019; davor Suspendierung von Sepp Blatter) laut Fifa-Rat nicht mitgezählt wird. Wetten, dass?
Damit etwaige Zweifel an seiner Person und präsidialen Ansicht endgültig ausgeräumt sind, will Infantino den eigentlich als Uefa-Schachzug gedachten Auszahlungsschwung tatsächlich in die Hand nehmen. Es liegt ein Fragenkatalog mit 42 einverlangten Antworten zu Roter Karte (Balogun), WM und Verkauf vor, alle üblen Gerüchte zu Extrazahlungen und Boni in den USA wurden dementiert – und wer Milliarden-Ausschüttungen an alle Stakeholder nennt, sogar in noch höherer Form denn von Čeferin (strebt wie Infantino eine vierte Amtszeit an; erste zählt ob des Rücktritts von Michel Platini formal nicht) einverlangt, hat alle Stimmen sicher.
Ein Fifa-PDF machte zuletzt die Runde zwischen der US-Nachrichtenagentur AP und diversen Medien. Der Schweizer, 56, wolle zwischen – der Zyklus verrät viel – 2027 und 2030 satte 6,35 Milliarden Dollar (rund 5,6 Mrd. Euro) verteilen. Darunter sei eine „deutlich erhöhte Zahlung von 25 Millionen Dollar an jeden Nationalverband“. Das sind also rund 22,3 Millionen Euro extra, die auch der ÖFB erhalten soll. Im ÖFB-Campus Seestadt weiß man sicher von dieser frohen Botschaft.
Das als „Wahlzuckerl“ zu interpretieren ist eine Sicht, die andere sieht Projekte, Kinder- und Nachwuchsprogramme bedient, womögliche Hilfestellungen für Infrastruktur und Sport gegeben. Der kommerzielle Erfolg der WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada erlaube das. In den Uefa-Mails, die auch der „Presse“ vorliegen, stand eine Forderung von zehn Millionen Dollar. Infantino weiß, wie man Sportpolitik betreibt. Er hat alle Finessen von Sepp Blatter gelernt. Er ist in der Uefa als Generalsekretär groß geworden, er kennt jeden Funktionär.
Europa und Nordamerika, führend in der Opposition zu Infantino, haben nun auch einen wichtigen Mitstreiter verloren. Auf einem außerordentlichen Kongress des asiatischen Kontinentalverbands AFC in Tokio hat sich Präsident Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa unerwartet deutlich für eine vierte Amtszeit des Schweizers ausgesprochen. Er sicherte plötzlich „uneingeschränkte Unterstützung“ zu. Diese Kehrtwende imponiert, denn vor zwei Monaten noch klangen die Stimmen in Asien noch ganz anders in Hinblick auf die in Zürich ansässige Fifa. Da sprach man von „Vertrauensbruch“.
Infantino wurde umarmt, es wurde applaudiert. Die Erzählung irritiert und doch, diese Worte des mächtigen AFC-Chefs fielen: „Sie haben viele Länder in Asien besucht. Ich habe mit zahlreichen Mitgliedern auf diesem Kontinent gesprochen. Ich kenne Ihre Einstellung, und ich denke, Ihr Engagement ist ebenfalls deutlich erkennbar.“ Damit ist über den im Sommer mit Europa und Nordamerika verfassten Brief Gras gewachsen: „Wir fordern eine Führung, die dem Fußball dient, anstatt ihn beherrschen zu wollen.“ Damit hat es der Amtsinhaber auch rein rechnerisch schon vor der Wahl geschafft: Uefa (55), Concacaf (35) und AFC (46) hatten 136 von 211 Stimmen. Jetzt wären es nur noch 90. Afrika (CAF, 54), Ozeanien (OFC, elf) und Südamerika (Conmebol, zehn) waren stets auf Infantinos Seite.
Zum guten Ton gehört es, Gäste auch sprechen zu lassen bei einer Tagung. Also trat Infantino unter schallendem Applaus auf und tat, was er am besten kann: Reden, Verkaufen. „Wenn man vieles anpackt – und hoffentlich, so wie wir es getan haben, auch viel Gutes erreicht –, dann passieren auch Fehler. Bevor ich mein Amt als Fifa-Präsident antrat, erhielt jeder von Ihnen alle vier Jahre eine Million Dollar. Ab dem 1. Jänner nächsten Jahres werden es 25 Millionen Dollar sein.“ Damit war alles gesagt.