Zurück
Kurz vor Schluss rettet Borussia Dortmund ein 2:2 beim FC Bayern – und zeigt dabei eine Qualität, die dem BVB oft abgesprochen wurde. Die Münchner lassen dagegen ausgerechnet jene Stärke vermissen, die sie sonst so gefährlich macht. Was der Klassiker über die beiden Titelrivalen verrät.
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Oliver Jensen sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.
Ein Unentschieden, zwei Gefühlslagen. Die Spieler von Borussia Dortmund hüpften vor der Gästekurve, während die Akteure des FC Bayern mit enttäuschter Miene vor ihren Anhängern standen. Ein kleiner Applaus als Dank für die Unterstützung, dann wandten sie sich ab. Das 2:2 hätte sich kaum unterschiedlicher anfühlen können.
"Wir hätten gewinnen müssen", stellte Bayern-Mittelfeldspieler Joshua Kimmich klar. Tatsächlich hatte der FC Bayern ein klares Chancenplus. Die Expected Goals, die die Qualität der Torchancen statistisch abbilden, sprachen mit 4,85 zu 0,7 für den Rekordmeister. "Das 2:2 fühlt sich für die (den BVB, Anm. d. Red.) sicher besser an als für uns", sagte auch Bayern-Außenverteidiger Konrad Laimer .
Besonders kurios: Ausgerechnet Harry Kane, der Anfang der Woche mit dem Ballon d'Or ausgezeichnet wurde, erlebte einen rabenschwarzen Tag. Er verschoss einen Elfmeter und leitete mit einem Fehlpass das Gegentor zum 1:1 ein. Sky-Experte Lothar Matthäus war überrascht: "Einen Elfmeter zu verschießen, kennt man von ihm eigentlich gar nicht. Und auch der Fehlpass, der zum Tor führte, war ein Sinnbild für sein heutiges Spiel."
Dennoch hatte Bayern genügend Gelegenheiten, um das Spiel zu gewinnen. Dreimal scheiterten die Münchner am Aluminium. Doch ihnen fehlte genau das, was diese Mannschaft eigentlich auszeichnet: Effektivität! Dafür zeigte Dortmund jene Qualität, die dem BVB oftmals abgesprochen wurde: Mentalität! Zweimal lag der FC Bayern durch die Treffer von Konrad Laimer (38.) und Dayot Upamecano (66.) vorne, beide Male glich Dortmund in Person von Serhou Guirassy (60.) und Fabio Silva (89.) aus.
"Wir wussten, dass uns nicht viele hier etwas zutrauen. Aber wir haben an uns geglaubt", sagte BVB-Torwart Gregor Kobel. Auch wenn das Chancenverhältnis für die Gastgeber sprach, wurde Dortmund keineswegs an die Wand gespielt. "Wenn du hier in München gegen Bayern 50 Prozent Ballbesitz hast, dann hast du vieles richtig gemacht", sagte BVB-Trainer Niko Kovač.
Tatsächlich waren es zwar "nur" 44 Prozent Ballbesitz. Aber selbst dies ist in München ein ordentlicher Wert und zeigt, dass die Taktik des BVB-Trainers aufgegangen ist. Erstmals seit langer Zeit ließ er in der Verteidigung mit einer Vierer- statt einer Dreierkette spielen. Kovac erklärte die Idee dahinter: "Wir haben Bayern durch die Viererkette sehr viel höher angegriffen. Dadurch hatten wir einen Spieler mehr im Mittelfeld."
Bayern musste währenddessen mehrere Ausfälle verkraften. Mit Serge Gnabry, Michael Olise und Ismael Saibari mussten gleich drei Spieler verletzungsbedingt ausgewechselt werden. "Es macht nie Spaß, wenn du in ein Spiel startest und dir einer nach dem anderen wegbricht. Das hilft dir nicht in deinem Rhythmus", sagte Laimer zu diesen personellen Rückschlägen.
In gewisser Weise passte dies zur schwierigen Gesamtsituation des FC Bayern. Trainer Vincent Kompany fehlt aufgrund einer Hirnhautreizung weiterhin und wird von Co-Trainer Aaron Danks vertreten. Joshua Kimmich, dessen Vater in der vergangenen Woche verstarb, kehrte dafür wieder zurück. "Unabhängig vom Ergebnis muss man schon sagen, dass wir durch schwierige Wochen gehen", sagte Kimmich und fügte hinzu: "Jetzt zeigt sich, ob wir ein Team sind, da müssen wir zusammenstehen."
Bayern und Dortmund stehen nach dem Unentschieden weiterhin punktgleich an der Tabellenspitze. BVB-Innenverteidiger Nico Schlotterbeck sagte selbstbewusst: "Wir sind gut. Ich glaube, dass wir in Deutschland noch immer allgemein unterschätzt werden – auch weil es immer heißt, wir spielen nicht den besten Fußball. Wir sind gut. Wir haben eine sehr kompakte Defensive und bekamen erst sechs Gegentore in acht Spielen."
Er wollte noch nicht die Deutsche Meisterschaft als Ziel ausgeben, sagte dann aber: "Wenn wir so weiterspielen, bin ich guter Dinge, dass wir lange etwas offenhalten können." Kimmich begrüßte die Einstellung des Kontrahenten: "Ich hoffe, dass die Gegner auch Meister werden wollen. Man merkt, dass es in diesem Jahr sehr, sehr eng ist. Das war heute bereits unser drittes Unentschieden. Heute war das natürlich sehr unnötig."
Matthäus sah in Bayern zwar ebenfalls die bessere Mannschaft, hält einen spannenden Meisterschaftskampf aber für möglich. "Für uns Fußball-Fans wäre es schön, wenn wir bis zum letzten Spiel einen Zweikampf zwischen Bayern und Dortmund haben", sagte er. Der BVB müsste seinen Weg fortsetzen: "Sie sind eine in der Breite gut aufgestellte Mannschaft und haben diszipliniert gespielt."
Der BVB ließ sich daher zu Recht für den Auswärtspunkt feiern. Und träumt von mehr …