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Saisonthesen auf dem Prüfstand: Lag Simon Geschke mit seinen Thesen für 2026 richtig?

Vor der Saison 2026 haben wir die Thesen einiger Radsportexperten eingesammelt – diese kommen nun auf den Prüfstand. Hier die von Ex-Profi Simon Geschke.

Simon Geschke

1 |  Keine Traumhochzeit für Remco und Red Bull

Der spektakulärste Transfer zur neuen Saison ist ganz sicher die Verpflichtung von Remco Evenepoel. Red Bull-Bora-hansgrohe wollte Remco unbedingt, und Remco wollte unbedingt zu Red Bull – doch eine echte Traumhochzeit wird das nicht, zumindest nicht auf Anhieb. Meine These ist, dass 2026 trotz des sehr guten Starts keine Überfliegersaison des Belgiers wird. Zumindest bei den ganz großen Rennen.

Im Team Red Bull-Bora-hansgrohe gibt es eine Menge Kapitäne und reichlich Egos. Schon im Sommer 2025 konnte man sehen, dass es bei den Kapitänen der Tour kein Dreamteam gab, wenig Teamwork zu sehen war. Nun kommt mit Remco noch ein Topstar ins Team und man hat so viel Kapitäne, dass es eine echte Herausforderung ist, die Balance zu halten und ein Team zu formen. Meine These ist, dass es der Mannschaft in dieser Konstellation nicht gelingt, eine Atmosphäre zu schaffen, in der eine „Hammer Saison“ 2026 möglich ist. Selbst für ein Ausnahmetalent wie Remco Evenepoel.

Überprüfung

  • Es war auf jeden Fall ein solides Jahr von Remco! Bei der Flandern-Rundfahrt auf dem Podium zu landen, das fand ich schon sehr krass! Die Tour de France war auch extrem gut! Da lag ich mit meiner These auf jeden Fall daneben! Wir wussten, dass Remco ein guter Fahrer ist, und seine Saison war gut, aber auch nicht völlig über den Erwartungen. Er hat sich in jedem Fall gut ins Team reingefunden und auch die Kapitänsfrage hat das Team gut gelöst. Wobei man nur spekulieren kann, wie die Schlusswoche mit Florian Lipowitz im Rennen ausgehen hätte. Es waren auf jeden Fall Spannungen zu spüren, vor allem nach der ersten Bergetappe, als Remco sich beschwerte, dass Lipo kein Leadout für ihn gefahren ist. Wer weiß, was gewesen wäre, wenn Florian nicht gestürzt wäre …. für meine These am Ende aber nicht ausschlaggebend.

2 | Jonas Vingegaard steht nicht auf dem Podium der Tour de France

Fünf Mal ist Jonas Vingegaard die Tour gefahren, stand jedes Mal auf dem Podium. Doch 2026 wird diese Serie reißen, und das hat mehrere Gründe. Zum einen wird er sein Programm anpassen und im Mai den Giro bestreiten. Die Doppelbelastung Giro und Tour ist heftig, das hab ich am eigenen Leib erfahren. Zwar bin ich ganz sicher nie ein Fahrer auf dem Niveau von Jonas Vingegaard gewesen, doch hier geht es nicht nur um physische Leistungsfähigkeit und Belastung. Will man bei Giro und Tour in bestmöglicher Form sein, bedeutet es eine krasse erste Saisonhälfte, mit Entbehrungen und extremen Fokus. Es muss nur eine Kleinigkeit schief laufen und es fehlen sofort ein paar Prozent. Ja, Vingegaard hat Tour und Vuelta brutal erfolgreich kombiniert, aber das Giro-Tour-Doppel ist noch etwas anderes!

Und noch ein Punkt spricht gegen das Podium von Vingegaard: Die Konkurrenz hat aufgeholt. Die Lücke zu Ayuso, Onley, Lipowitz, Evenepoel und Co wird nicht mehr größer, ganz im Gegenteil. Die nächste Generation rückt nach und wird nicht zu schlagen sein, wenn selbst Ausnahmefahrer wie Jonas Vingegaard nicht bei 100% sind. Gelingt ihm der Sieg beim Giro, dann würde er in den erlauchten Kreis der Champions vorstoßen, die alle drei Grand Tours gewonnen haben. Dann wäre die Saison auch ohne Tour-Podium ein Erfolg.

Überprüfung

  • Die These stimmt, auch wenn ich das mit einem „leider“ versehen muss. Denn Jonas schied durch einen Sturz aus und hatte keine Chance, ums Podium zu kämpfen. Ich denke, er hätte es nach dem starken Giro in der Schlusswoche nicht leicht gehabt, das Podium abzusichern, auch wenn er zu Beginn der Tour stark fuhr. Schade, dass er stürzte. Ich hätte es wirklich gern gesehen, wie das Rennen mit ihm gelaufen wäre!

3 | Ayuso und Lidl-Trek – das perfekte Match

Juan Ayuso ist ein großes Talent, hat große Ansprüche und hoch gesteckte Ziele. Er sieht sich selbst als Leader, sucht den eigenen Erfolg. Beim Team UAE war für ihn und seine Ansprüche nicht genug Platz, er wechselte zu Lidl-Trek. Für einen Fahrer wie ihn ist das genau die richtige Mannschaft und er wird auf Anhieb durchstarten und eine Grand Tour auf dem Podium beenden. Denn das Team Lidl-Trek hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie trotz mehrere Kapitäne erfolgreich und als Team zusammenarbeiten können. Sie wissen, wie man mit Egos umgeht und das wird auch mit Ayuso klappen.

Überprüfung

  • Hier lag ich daneben. Es scheint jedoch so, dass er sich beim Team Lidl-Trek wohler fühlt, als zuvor bei UAE. Man kann aber festhalten, dass er noch weit davon entfernt ist, was man für Hoffnungen in ihn gesetzt hatte. Der „neue Pogacar“ ist er noch lange nicht. Eine schlechte Saison ist er nicht gefahren, da kann man nicht meckern, aber er war doch von den ganz großen Siegen ein Stück entfernt. Das erste Jahr in einer neuen Mannschaft ist nie leicht – meine These rettet das aber auch nicht.

4 | Tom Pidcock gewinnt einen Ardennen-Klassiker

Was Tom Pidcock kann, haben wir alle bereits gesehen. Im Jahr 2026 wird der Brite noch stärker sein. Schon sein erstes Jahr im Team Q36.5 war extrem gut, nun hat die Mannschaft aufgestockt und den nächsten Schritt gemacht. Das wird sich auszahlen – vor allem in den Ardennen. Das Team um Pidcock ist stärker, Fahrer wie Fred Wright können ihn unterstützen. Für das Ardennen-Triple wird das nicht gleich reichen, aber eines der drei Rennen wird er gewinnen.

Überprüfung

  • Hier lag ich auch daneben. An meiner Meinung zu Tom Pidcock ändert das aber nichts, denn auch wenn er keinen ganz großen Klassiker gewinnen konnte, ist seine Qualität offensichtlich! Und man darf nicht vergessen, dass er beinahe Milano-Sanremo gewonnen hätte. Meine These war vielleicht ein wenig ein Schuss ins Blaue, aber wer weiß, vielleicht klappt es ja dann im nächsten Jahr!

5 | Peak-Pogacar ist erreicht

Für keinen Fahrer geht es immer nur bergauf – nicht mal für Tadej Pogacar. Bislang ging es immer aufwärts, immer mehr Erfolge, immer krassere Siege. In jedem Jahr hat er sich gesteigert – 2025 abgesehen vom Grand Prix Cycliste de Québec und der Zeitfahr-WM alle (!) Rennen auf dem Podium beendet. Von den insgesamt 50 Renntagen hat er 31 in den Top3 beendet. Das ist unglaublich und selbst für mich als Ex-Profi kaum vorstellbar. So kann es nicht weitergehen, nicht mal für Pogacar.

Er wird weiter große Rennen gewinnen, vielleicht im Sommer seinen fünften Toursieg holen – aber es wird nicht die nächste Saison mit neuen Superlativen. Peak-Pogacar ist erreicht, der Höhenflug wird gebremst, die Dominanz beginnt langsam zu bröckeln.

Überprüfung

  • Es ist nicht so, dass er in diesem Jahr noch dominanter wurde, als er zuvor war – daher kann man mit etwas Wohlwollen die These als teilweise erfüllt betrachten. Aber Tadej ist natürlich noch immer das Maß der Dinge! Wobei man mit Blick auf Strade Bianche oder Lüttich-Bastogne-Lüttich sagen kann, dass ihm Paul Seixas auf den Fersen ist. Sein Peak scheint erreicht, Werte und Siege waren nicht noch krasser, als im Jahr zuvor, auch wenn er weiter die absolute Weltspitze ist und der Peak auch noch nicht überschritten ist. Vor allem der Sieg in Sanremo ist da hervorzuheben! Er hat auch 2026 dominiert, wo er am Start stand, und auch die Vuelta wäre ohne den Sturz wohl nur Formsache gewesen. Man darf gespannt sein, wie das weitergeht und wann das Jahr kommt, in dem er Probleme bekommt. 2026 war es auf jeden Fall noch nicht so weit – demnach lag ich mit meiner These nicht richtig!

Alle Saisonthesen & Überprüfungen gibt es hier

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