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Ab Montag ist der deutsche Tennisprofi die Nummer eins. Wie fügt er sich ein in die Ahnengalerie seines Sports? Die Geschichte seiner Karriere hat Hollywoodpotential.
Nun ist Alexander Zverev also ganz oben angekommen, hat die Spitzenposition der Weltrangliste so früh übernommen, wie es ihm nach dem verletzungsbedingten Ausfall des bisherigen Spitzenreiters Jannik Sinner möglich war. Der gebürtige Hamburger hat seinen nächsten Lebenstraum erfüllt, nach den beiden Grand-Slam-Siegen in Paris und New York, und wird auch am Jahresende die Nummer eins sein. Aber wofür steht Zverev, wie fügt er sich als dreißigster Spitzenreiter ein in die Ahnengalerie?
Die Besten der Besten haben nicht nur besondere Fähigkeiten, sondern auch eine besondere Geschichte. Ilie Năstase, nach Einführung der Weltrangliste am 23. August 1973 die erste Nummer eins, unterhielt die Welt mit viel Witz und Wut wie später seine Nachfolger Jimmy Connors und John McEnroe. Björn Borg wurde mit blonder Mähne und kühler Manier zum ersten Tennispopstar. Boris Becker stand für großes Drama und Erwachsenwerden vor aller Augen.
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Ivan Lendl wurde zum Vorreiter einer professionellen Lebensweise. Novak Djokovic erschien wie ein Krieger, der Rekorde leichter erobert als Herzen. Pete Sampras und Andre Agassi, Roger Federer und Rafael Nadal sowie zuletzt Carlos Alcaraz und Jannik Sinner lieferten ebenso atemraubende wie sportmännische Duelle gegensätzlicher Typen und Talente.
Auch Zverev hat über seine neue Ausnahmestellung in der Tenniswelt hinaus einiges zu bieten. Doch ist sein Werdegang begleitet von hellen und diffusen Wegmarken und daher schwerer auf einen Nenner zu bringen als die Karrieren vieler Vorgänger.
Das Janusköpfige am Deutschen lässt einen beträchtlichen Teil des Publikums Abstand nehmen von einer Idolisierung, die gewöhnlich einhergeht mit dem Statuswechsel zur Nummer eins. Da ist zum einen die Herz-Schmerz-Geschichte um den seit der Kindheit an Diabetes erkrankten Durchstarter, die Mitgefühl zu wecken vermag. Schon früh forderte Zverev „die großen Drei“ Federer, Nadal und Djokovic und bezwang sie beizeiten. In anderen besonderen Momenten bekam er oft das Flattern.
Als er 2022 in Topform war und in Paris einen möglichen Coup vor Augen hatte, zog er sich eine schwere Verletzung zu und musste sich quasi von ganz unten zurückkämpfen. Diese Comeback-Story – vom Krankenbett über zwei Grand-Slam-Triumphe an die Weltspitze – hätte Hollywood-Potential. Auch weil hinter dem Tennishelden eine Familie steht, die ihn hätschelt und stärkt.
Auf der anderen Seite deuten Zverevs Larmoyanz und Wutausbrüche früherer Jahre sowie die de facto ungeklärten Vorwürfe häuslicher Gewalt auf ein Charakterbild, das nicht mehr als schillernd bezeichnet werden kann. Bei der Frage, ob eher Zverev oder seinen früheren Lebensgefährtinnen zu glauben ist, sind nicht wenige Beobachter an der Seite der beiden Frauen, die ihn der Gewalt in der Partnerschaft bezichtigten. Sie können oder wollen sich nicht damit abfinden, dass Zverev juristisch als unschuldig gilt.
Dass die Hochachtung geringer ausfällt als bei den meisten seiner Vorgänger, bekommt Zverev zu spüren. Vor allem für angloamerikanische Beobachter taugt er nicht als Repräsentant des Tennissports, wie er ihnen vorschwebt. Solche Vorbehalte auszublenden, gehört zu den Fähigkeiten der neuen Nummer eins. Aber so beeindruckend Zverevs Resilienz und Erfolgsgeschichte sind: Eine Fußnote gehört immer dazu.