Apex Scores Lite Apex Scores Lite flag
back Zurück
Warum fast jede zweite Fußballerin über ein frühes Karriereende nachdenkt
Fußball der Frauen :
175 Euro im Monat und ein zweiter Job

Die Mutter war lange dagegen, dass Tuğba Tekkal Fußball spielt: Sie wollte die Tochter in Sicherheit wissen. Doch auch drei Jahrzehnte später erwägt fast jede zweite Spielerin ein frühes Karriereende.

Fußball habe ich als Teenagerin heimlich gespielt, bis meine Eltern es irgendwann – dank der Hilfe meiner Geschwister – erlaubt haben. Manche Menschen, denen ich diese Geschichte erzähle, denken, dass meine Eltern mir bewusst etwas weggenommen haben, dass sie mir schaden wollten. Ich weiß aber, worum es meinen Eltern, vor allem meiner Mutter, ging: Sie wollte mich, eine ihrer jüngsten Töchter, in Sicherheit wissen.

Sie wollte mich in einem Beruf wissen, der mich finanziell absichert, der mir ein gutes und langes Leben ermöglicht. Sie, die in der Türkei als Jesidin Unterdrückung und Vertreibung erlebte, wollte das Gegenteil für mich: Stabilität und Zukunftschancen. Wer sich an den Frauenfußball in den 2000er-Jahren erinnert, weiß, dass dieser Karriereweg das Gegenteil der Vorstellungen meiner Mutter war – ein Beruf unter prekären Arbeitsbedingungen, mit kaum nennenswerten Entlohnungen, mit größtenteils amateurhaften Strukturen.

Tuğba Tekkal ist ehemalige Profifußballerin, Menschenrechtsaktivistin und Sozialunternehmerin. Gemeinsam mit ihren vier Schwestern gründete sie die NGO HÁWAR.help und initiierte das Projekt SCORING GIRLS*.
Tuğba Tekkal ist ehemalige Profifußballerin, Menschenrechtsaktivistin und Sozialunternehmerin. Gemeinsam mit ihren vier Schwestern gründete sie die NGO HÁWAR.help und initiierte das Projekt SCORING GIRLS*.dpa

Knapp 30 Jahre später hat sich viel verändert, vom angestrebten „Equal Play“, also der Chancengerechtigkeit unabhängig vom Geschlecht, und professionelleren Trainingsbedingungen, über höhere durchschnittliche Gehälter bis hin zu öffentlicher Anerkennung und Medienpräsenz. Und trotzdem: Eine aktuelle Studie der Spielergewerkschaft FIFPRO zeigt, dass fast jede zweite befragte Profifußballerin ihre Karriere frühzeitig beenden möchte. 59 Prozent nennen finanzielle Gründe, 46 Prozent psychische Belastung.

Als ich meine aktive Profikarriere beendet habe, hatte ich mir schon ein zweites Standbein aufgebaut. Zwar keines, das finanzielle Sicherheit bietet, aber eines, das mir trotzdem eine Stütze war: 2017 habe ich offiziell die Fußballschuhe an den Nagel gehängt und mich dafür entschieden, all meine Zeit und Kraft in die Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help und mein Fußballprojekt SCORING GIRLS* zu stecken.

Es war kein klassisches Karriereende. Es war nicht mein Körper, der mich gezwungen hat, aufzuhören, und es war auch nicht mein Alter. Es war das Hinwenden zu einer größeren Aufgabe: zu dem Ziel, diese Welt und unsere Gesellschaft besser zu machen und für die da zu sein, die zu oft vergessen werden. Es war aber auch das Ende einer langen Phase in meinem Leben, in der ich als Profifußballerin an der Armutsgrenze gelebt habe.

Die Profikarriere als ein ständiger Spagat

Als ich 2007 zum Hamburger SV wechselte und in meinen Einsätzen in der zweiten Mannschaft mit Toren und Assists auf mich aufmerksam machte, durfte ich die letzten Spiele der Saison in der ersten Mannschaft spielen und rettete den HSV mit meinem Tor vor dem Abstieg. Das war der Moment, in dem mir ein Profivertrag angeboten wurde, 175 Euro im Monat, damit ich über die Berufsgenossenschaft versichert war.

Ich erinnere mich an den Moment, die lobenden und wertschätzenden Worte, das Papier vor mir auf dem Tisch. Ich habe nicht gezögert und sofort unterschrieben, natürlich ohne vorher mit meinen Eltern zu sprechen. 175 Euro im Monat hätten sie nicht überzeugt. Ich wusste, ich konnte niemandem, der nicht für diesen Sport brennt, erklären, wie ich meinen Körper und meine Zeit für 175 Euro im Monat opfern kann.

Auch nach meinem Wechsel zum 1. FC Köln konnte ich nicht vom Fußballspielen leben, obwohl sich mein Lohn über die Jahre hinweg steigerte. Ich brauchte immer ein zweites Standbein, einen Job, der mit meinen Trainingszeiten vereinbar war, und einen Arbeitgeber, der meine Profikarriere unterstützen wollte, der flexibel genug war. Es war ein Kompromiss, ein Spagat.

Ich musste arbeiten, oft auch in zwei Jobs, damit ich im Frauenfußball, als Spielerin, arbeiten konnte. Für mich war das normal, allen Spielerinnen ging es schließlich so, außer vielleicht den großen Stars. Woran ich mich aber auch erinnere, ist ein Schamgefühl, ein Schweigen gegenüber Menschen außerhalb meines Teams und meiner Sportart. Scham darüber, dass ich all das in Kauf nahm.

Der Frauenfußball schafft noch nicht genug Sicherheit

Mittlerweile hat der Frauenfußball an Popularität gewonnen, füllt große Stadien, lässt die Menschen den Fernseher einschalten. Keine Frage, wir sehen die Entwicklung, und sie ist positiv. Aber hält diese Entwicklung auch hinter den Kulissen stand?

Es überrascht mich nicht, dass fast jede zweite befragte Spielerin plant, ihre Karriere früher zu beenden. Dabei geht es nicht nur um das Gehalt, sondern auch um professionelle Strukturen, um Altersvorsorge, um Arbeitsverträge, um psychologische Unterstützung. Der Frauenfußball fordert seine Spielerinnen, fordert ihre Körper, ihre Leistungsgrenzen, ihre Zeit – und gleichzeitig schafft er nicht genug Sicherheit für die Zukunft dieser Menschen. Noch nicht.

Wenn ich heute im Stadion bin oder mir Trainingsgelände anschaue, gleiche ich die Bedingungen automatisch mit denen von vor 25 Jahren ab. Ich sehe die Professionalisierung, sehe die zunehmende Entlastung der Spielerinnen, die ihre Trikots nicht mehr selbst nach Hause zum Waschen mitnehmen müssen. Und gleichzeitig sind wir noch nicht da, wo wir hinwollen.

Wir müssen die Entwicklung zugunsten der Sportlerinnen beeinflussen, müssen sie ernst nehmen. Manchmal, wenn ich auf der Tribüne sitze, frage ich mich, ob meine Mutter meine Profikarriere unter den heutigen Bedingungen gefördert und unterstützt hätte, ob sie das Gefühl gehabt hätte, dass ihre Tochter in Sicherheit ist. Und jedes Mal weiß ich: Es ist zwar besser, viel besser als damals, aber es würde ihr noch nicht reichen.

Könnte Ihnen gefallen

Papa Berthold (57) gestorben: Mario Basler leidet mit Joshua Kimmich

Merkur.de vor 2 Stunden

Yamal gewinnt erneut: Bayern-Juwel Karl gehört zu den besten Talenten der Welt!

fcbinside.de vor 1 Stunde