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In der 20. Minute des Champions-League-Heimspiels gegen den FC Arsenal sah der FC Bayern aus wie eine Kneipentruppe. Beim Freizeitfußball ist es üblich, dass nicht unbedingt der Torwart die Abstöße ausführt, sondern der Spieler, der am härtesten gegen den Ball treten und das Spielgerät am weitesten in die gegnerische Hälfte befördern kann. Gegen die Schusskraft von Bayern-Torwart Manuel Neuer ist nichts einzuwenden, doch den Abstoß in der 20. Minute der Arsenal-Partie führte nicht wie sonst Neuer aus, sondern Harry Kane.
Er schlug den Ball auf den linken Flügel, über Alphonso Davies und Ismael Saibari gelangte die Kugel zu Serge Gnabry. Dieser scheiterte aus bester Position an Arsenal-Torwart David Raya. Wäre Kane in dieser Situation zum Abschluss gekommen, er hätte die Chance wohl genutzt, aber selbst er kann nicht überall sein. Wobei man gegen Arsenal (Endstand 2:2) den Eindruck bekommen konnte, dass er es versuchte.
Man hat sich daran gewöhnt, dass Harry Kane seine Stellenbeschreibung großzügig auslegt. Eigentlich ist er Mittelstürmer, doch er lässt sich immer wieder zurückfallen, erobert Bälle am eigenen Strafraum, leitet aus der Spielfeldmitte Chancen ein oder weicht auf die Flügel aus. So radikal wie gegen Arsenal hatte er seine Rolle als ständiger Positionswechsler aber wohl noch nie interpretiert. Dass Kane in der 20. Minute sogar einen Abstoß schoss, steht sinnbildlich dafür, dass er sich wirklich für keine Aufgabe zu schade war.
Der Daten-Anbieter Sofascore erstellt bei jedem Spiel zu allen Spielern eine Heatmap, also ein Aktivitätsprofil, das zeigt, wo sich der entsprechende Profi am meisten aufgehalten hat. Kanes Heatmap gegen Arsenal sah nicht aus wie die eines Angreifers, sondern wie die eines Spielmachers. Im Mittelkreis, in der Nähe der Mittellinie und auf der Halbposition im linken Mittelfeld war er besonders aktiv.
Kane steuerte ein Tor zum Remis gegen den englischen Meister bei, per Elfmeter traf er nach einer Stunde zum 2:1. Seine beste Szene war aber ein Pass, der zum 1:1 führte: In der 35. Minute spielt er den Ball aus dem Mittelkreis so herrlich in den Lauf von Alphonso Davies, dass man Kane gerne den Preis zur Torvorlage des Jahres verleihen würde - wenn es einen solchen Preis geben würde. „Harry Kane kann den Ball in Räume spielen, die eigentlich gar nicht existieren“, staunte Arsenal-Trainer Mikel Arteta. Und wer weiß: Vielleicht wird Kane am Montag mit dem Ballon d’Or belohnt.
Die Vorlage eignete sich auch gut als Entgegnung zu einem Beitrag des Bundestrainers. Jürgen Klopp zeigte sich in der Halbzeitpause am DAZN-Mikrofon verwundert über das Defensivverhalten der Münchner. Vor allem die Tatsache, dass Kane nicht nur mit Ball immer wieder zurückfiel, sondern auch gegen den Ball tief stand, verwirrte den Bundestrainer. „Ich fand es nicht so schlecht, wie er vor dem 1:1 den Pass aus dem tiefen Raum spielt“, sagte Bayern-Sportchef Max Eberl nach dem Spiel und grinste. Einen sachlichen Hinweis zum Thema hatte er allerdings auch: „Ein Spiel gegen Arsenal ist sehr flexibel, es gibt unheimlich viele Positionswechsel.“ Dass Kane irgendwann Libero spiele, sei nicht vorgesehen, sagte Eberl, aber passieren könne es eben schon.
Er ist manchmal da, manchmal nicht - aber er kommt, auf jeden Fall.
Bayern-Trainer Vincent Kompany über Harry Kane
Bayern-Trainer Vincent Kompany war schlau genug, direkt zur nächsten Frage überzuleiten („Dazu sage ich nichts“), als er auf Klopps Irritation über Kanes Rolle angesprochen wurde. Er wollte keine Schlagzeilen produzieren, indem er den Bundestrainer belehrt, kritisiert oder beides. Dafür berichtete Kompany aus der Zeit, als er noch für Manchester City spielte und in der Premier League immer wieder auf Kane traf, der bei Tottenham Hotspur angestellt war.
Als Abwehrspieler wolle man den Angreifer immer in der Nähe haben, doch Kane habe sich durch ständige Positionswechsel immer wieder seinem Zugriff entzogen, berichtete Kompany: „Als Innenverteidiger ist es schwierig, wenn du keine Referenz hast. Er ist manchmal da, manchmal nicht - aber er kommt, auf jeden Fall.“ Kane war für Tottenham übrigens so wichtig, dass Manchester Citys damaliger Trainer Pep Guardiola den Klub als „Harry-Kane-Team“ verspottete.
Ein solches war auch der FC Bayern gegen Arsenal. Das lag auch daran, dass die Mannschaft personell ausgedünnt war. Joshua Kimmich fehlte wegen eines Trauerfalls, Michael Olise war gesperrt, Jamal Musiala ist nach einem Muskelfaserriss noch nicht spielfähig, der angeschlagene Luis Díaz wurde erst spät eingewechselt, Lennart Karl zeigte als Joker, dass er nach seiner Oberschenkelverletzung nicht in Form ist. Wegen der vielen Abwesenheiten wirkte es, als hätte sich Kane verpflichtet gefühlt, die Partie an sich zu reißen und überall zu sein.
Für den weiteren Verlauf der Saison ist der FC Bayern aber darauf angewiesen, dass die anderen Offensivkräfte wieder zu einem verlässlichen Faktor werden. Die Münchner sind in der Abwehr anfällig, das ist eingepreist bei Kompanys riskantem Fußball. Auch gegen Arsenal ließ sich die Bayern-Defensive bei den Gegentoren leicht aushebeln. Umso wichtiger ist, dass der Angriff funktioniert, um in jedem Spiel mindestens ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Das kann nicht Kane alleine. Der FC Bayern kann es sich nicht leisten, dauerhaft zum Harry-Kane-Team zu werden.