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Zwischen Bewunderung und Skepsis: Was ehemalige Weltranglistenerste über Alexander Zverev sagen
Alexander Zverev spielt eine herausragende Saison.
© dpa/HELMUT FOHRINGER

Alexander Zverev feierte seinen Viertelfinaleinzug in Wien wie einen Grand-Slam-Sieg. „Für alle, die jetzt nicht so ganz verstehen, warum ich so jubele nach einer zweiten Runde: Ich bin die Nummer eins der Welt geworden“, sagte er scherzend zum Publikum.

Wenige Augenblicke zuvor hatte der 29-Jährige den Niederländer Tallon Griekspoor mit 6:4, 7:5 besiegt. Damit überholte Zverev im Live-Ranking Jannik Sinner und macht den Sprung an die Spitze perfekt. Am Montag wird er offiziell als Weltranglistenerster geführt – als erster deutscher Mann seit Boris Becker 1991.

Dass es dazu kommen würde, stand bereits seit gut zwei Wochen fest. Sinner, der seine Saison verletzungsbedingt beendet hat, und Carlos Alcaraz können Zverev bis zum Jahresende nicht mehr von der Spitze verdrängen. Die beiden waren seine größten Konkurrenten: Sinner gewann Wimbledon, Alcaraz die Australian Open. Doch während der Italiener seit dem Wimbledon-Finale wegen Knieproblemen pausiert, kämpft sich der Spanier nach einer schweren Handgelenksverletzung noch immer zurück.

Dass Zverev von den Ausfällen seiner Rivalen profitiert hat, lässt sich kaum bestreiten. Ob das seine Leistung schmälert, darüber kann man diskutieren. Ehemalige Weltranglistenerste, die in Wien am Rande des Turniers über den Deutschen sprachen, sahen dafür allerdings wenig Anlass.

Thomas Muster kennt die Debatte aus eigener Erfahrung. 1996 stand der Österreicher insgesamt sechs Wochen an der Spitze. Doch besonders die US-Stars Pete Sampras und Andre Agassi kritisierten damals Musters Erfolg und zweifelten an seiner Legitimität.

Die Diskussion ist müßig, ob es jemand verdient oder nicht. Es ist auf jeden Fall verdient, und er kann ja nichts dafür, wenn jemand verletzt ist.

Thomas Muster, ehemaliger Weltranglistenerster

„Die Diskussion ist müßig, ob es jemand verdient oder nicht“, sagte Muster im Gespräch in Wien. „Es ist auf jeden Fall verdient, und er kann ja nichts dafür, wenn jemand verletzt ist.“ Zverev habe die Situation „bravourös gelöst“. Zudem werde übersehen, dass auch der Deutsche nach seiner schweren Fußverletzung zurückgekommen sei und sein Spiel verbessert habe.

Muster verwies noch auf einen anderen Aspekt: Zverevs Diabetes. „Mit einer Zuckerkrankheit Nummer eins zu werden, das ist noch ein anderes Thema“, sagte der 59-Jährige. Man könne die Perspektive auch umdrehen: Mit den gesundheitlichen Herausforderungen, die Zverev ohnehin bewältigen müsse, sei das eine besondere Leistung.

Daniil Medvedev, der 2022 insgesamt 16 Wochen Weltranglistenerster war, fand klare Worte. „Er war in diesem Jahr definitiv der bessere Spieler und verdient es“, erklärte der Russe am Rande des Turniers. Es gehe nicht nur um Sinner und Alcaraz. Auch Spieler wie er selbst seien auf der Tour unterwegs und versuchten, so viele Matches wie möglich zu gewinnen. Zverev habe sich in diesem Wettbewerb durchgesetzt.

Carlos Alcaraz führte bereits insgesamt 66 Wochen das ATP-Ranking an – auch er würdigte die Saison des Deutschen. „Zwei Grand-Slam-Titel in diesem Jahr sind kein Zufall. Er hat Finals erreicht und viele Matches gewonnen“, so der Spanier auf einer Pressekonferenz in Wien. Im Tennis gehe es nicht darum, eine Woche lang gut zu spielen. „Man muss über die 52 Wochen des Jahres hinweg sein bestes Tennis zeigen.“ Zverev sei gesund geblieben und habe seine Chancen genutzt. „Ich weiß, wie hart er darauf hingearbeitet hat. Er verdient es wirklich.“

Muster erwartet für das kommende Jahr einen engen Kampf. „Ich könnte mir vorstellen, dass das ein bisschen wechseln wird“, prognostizierte er. Nummer eins zu werden und es über einen längeren Zeitraum zu bleiben, seien zwei verschiedene Dinge. „Man muss schon unterscheiden zwischen Spielern, die ein paar Wochen dort oben stehen, und solchen, die wie Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic hunderte Wochen an der Spitze verbringen“, so Muster.

Medvedev sieht Zverev zunächst durchaus im Vorteil. Der Deutsche habe viele Punkte auf seinem Konto, die er verteidigen könne. Selbst wenn Sinner und Alcaraz zurückkehrten, müssten beide erst einmal eine ganze Reihe von Turnieren gewinnen, um ihn einzuholen. „Aber natürlich sind Carlos und Jannik schwer zu schlagen, wenn sie spielen.“

Das weiß auch Zverev. Er räumte ein, dass Sinner im direkten Duell in diesem Jahr klar die Oberhand hatte. „Ich habe gegen ihn vier- oder fünfmal hintereinander verloren. Vom Tennisspielen her war er, als er fit war, der beste Spieler der Welt, gar keine Frage“, erklärte er offen. Doch Zverev ließ keinen Zweifel daran, dass er sich den Platz an der Spitze verdient hat: „Ich finde, dass ich die beste Saison gehabt habe.“

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