Zurück
Mit drei Topvereinen gilt Berlin als Hochburg des Frauenfußballs. Während der 1. FC Union Berlin sich in der ersten Bundesliga gegen Topvereine wie Meister FC Bayern zu behaupten versucht, kämpfen der FC Viktoria Berlin und Hertha BSC um die Tabellenführung in der Zweiten Liga.
Das Gute: Die drei Vereine nehmen sich die Fans nicht gegenseitig weg, sondern ziehen ganz unterschiedliches Publikum an. Sie haben ihre eigene Geschichte und kommen aus unterschiedlichen Traditionen. Ein Vergleich fällt daher schwer, wir haben ihn trotzdem versucht. Wo schmeckt die Wurst am besten? Wo machen die Fans am meisten Lärm? Und welches Stadion ist am kultigsten? Ein ganz subjektives Ranking.
Als die Frauen des 1. FC Union 2024 erstmals ein Heimspiel im Stadion an der Alten Försterei bestritten, galt das noch als exotisches Experiment. Zwei Jahre später hat der Klub zahlreiche Zuschauerrekorde gebrochen und eine Stadionkultur entwickelt, die im ganzen europäischen Frauenfußball ihresgleichen sucht.
Die Heimat von Union gilt nicht umsonst als Festung und auch bei Spielen der Frauen spürt man die Wucht des kleinen Stadions. Bei einem Zuschauerschnitt von etwas unter 9000 Fans in dieser Saison sammeln sich die meisten Fans auf der Gegengerade
Die aktive Fanszene konzentriert sich dabei auf Mittelliniehöhe, wo schon zu DDR-Zeiten die wildesten Union-Fans standen. Von der Nina-Hagen-Hymne zu den „Fußballgöttin!“-Rufen geht es hier genauso leidenschaftlich zu wie seit Jahrzehnten bei Spielen der Männer.
Gleichzeitig entwickelt sich bei den Frauen eine neue, eigene Fankultur. Ein ganz anderes Publikum ist das nicht. Als Union an einem Sonntag im Oktober gegen Nürnberg spielt, sieht man viele der gleichen Gesichter, die am Tag zuvor beim Spiel der Männer gegen Borussia Dortmund da waren.
Für viele langjährige Unioner sind die Frauenspiele aber auch eine Chance, Freunde und Verwandte erstmals mit in die Alte Försterei zu bringen. „Es können viele Jugendliche, viele Kinder mitkommen und das ist ein schöner Ausgleich zu den Männerspielen.“ sagt Katrin Woitschek die als Mitglied der Fangruppe „Grenzenlos Eisern“ für den organisierten Support mitverantwortlich ist, am Rande eines Spiels gegen Nürnberg im Oktober.
„Es geht hier ein bisschen friedlicher, ruhiger und familiärer zu“, erklärt Union-Fan Katrin Woitschek.
So wird auch klar, dass die Union-Gemeinschaft in Wirklichkeit deutlich bunter ist, als viele Außenstehende manchmal denken. Hier trägt man Denim-Kutte und Regenbogenschal.
Das spiegelt sich auch kulinarisch wieder: Vegane Optionen mögen nach wie vor begrenzt sein, doch von vegetarischen Pitas bis zu süßen Quarkbällchen gibt es dennoch eine große Vielfalt an Essensständen.
Das Kernangebot von Bratwurst, Krakauer oder Nackensteak gehört derweil nach wie vor zu den besten im deutschen Fußball. Nur muss man eben dafür zahlen. Sowohl die Eintrittskarten als auch das Bier und die Bratwurst sind bei Union zuletzt deutlich teurer geworden. Kostete eine Dauerkarte vor zwei Jahren noch 70 Euro, sind es in dieser Saison schon 144.
Für ein Bier zahlt man mittlerweile satte acht Euro mit Pfand. „Das finde ich nicht so schön, aber es ist halt überall dasselbe“, sagt Woitschek.
Wer sparen möchte, könne aber immerhin sein eigenes Tetrapak bis zu einem Liter mitbringen. Die hohen Preise sind auch kein Zufall. Union investiert aktuell enorm viel Geld in seine Frauenmannschaft und in Infrastrukturprojekte wie die neue Trainingsanlage und den kommenden Stadionausbau. Daran erinnern auch die vielen Baustellen, die Fans auf dem Weg zum Stadion navigieren müssen. In nicht mehr so ferner Zukunft wird aus der kleinen Alte Försterei eine große, moderne Fußball-Arena werden.
„Wenn wir irgendwas machen, machen wir es zusammen“, sagt Woitschek, die auch die Fanarbeit des Vereins ausdrücklich lobt. „Du kannst dich hier überall beteiligen, Ideen mitbringen und soziale Projekte machen. Das finde ich toll, da habe ich Bock drauf.“ Auch dann soll Union aber eine Gemeinschaft bleiben, die vor allem von seiner aktiven Fankultur lebt. Was jahrelang bei den Männern so war, spürt man auch immer mehr bei den Frauen.
Der Jubel war groß, als Herthas Fußballerinnen im Sommer in die Zweite Liga aufstiegen. Fast noch größer aber ist die Überraschung über den fulminanten Start des Teams, das nach neun Spielen auf Platz zwei liegt und Viktoria dicht auf den Fersen ist.
Auch die Sichtbarkeit für das Team wächst stetig und wird vom Verein immer stärker in den Vordergrund gerückt. So auch an einem Sonntag Anfang Oktober gegen die TSG Hoffenheim II, bei dem sich einmal mehr zeigt, was in dem Verein steckt.
Die Sonne scheint, es sind über 20 Grad und bei den Männern ist Länderspielpause. Die idealen Voraussetzungen also für einen perfekten Fußballtag
Schon eine Stunde vor Anpfiff haben sich im Stadion auf dem Wurfplatz einige Fans eingefunden, die sich auf das Spiel vorbereiten. Ein Stand wird aufgebaut, an dem Sticker verkauft werden.
Man merkt: Hier wächst eine echte eigene Fankultur, die nicht einfach den Männern nacheifert, sondern ganz eigene Schwerpunkte setzt. Auf den Stickern, drei Euro pro Stapel, stehen kreative Sprüche.
Anders als Viktoria hält Hertha sich mit großen Zielsetzungen bislang zurück und hat keine klaren Aufstiegsambitionen formuliert, doch gegen Hoffenheim II zeigt das Team einmal mehr seine Stärken und insbesondere Stürmerin Elfie Wellhausen glänzt. Bereits in der vergangenen Saison wurde Wellhausen mit der Torjägerkanone ausgezeichnet und auch bei den Fans gilt sie als Star.
Unter den Anhängern sind Pascal und Florian, die beide eine Dauerkarte für die Frauen haben und auf deren Trikots ein Autogramm von Wellhausen prangt. Die beiden Kumpels wollen lieber nur von hinten gezeigt werden. Pascal meint: „Elfie verbessert sich von Saison zu Saison. Letzte Saison hat sie 33 Tore geschossen.“
Richtig begeistern konnten sich die beiden in der vergangenen Saison für Hertha, da gewann das Team 9:1 gegen Fortuna Dresden. „Das hat mir im Gegensatz zu den Herren richtig gut gefallen, weil sie immer gewonnen haben“, freut sich Pascal.
Florian hebt insbesondere die Stimmung und die Nähe zu den Spielerinnen hervor, die – anders als bei den Männern – nach dem Spiel noch mit den Fans plaudern und Fotos machen. Das Stadion gefällt Pascal und Florian gut – bloß, wenn Hertha irgendwann doch in die Bundesliga aufsteigt, dann sollte man sich Gedanken über den nächsten Schritt machen. „Dann würden wir ja Spielerinnen wie Giulia Gwinn oder Lena Oberdorf antreten, dann brauchen wir mehr Plätze.“
Auch über eine kleine Kurve verfügen Herthas Frauen mittlerweile. Die Ultras schwenken Fahnen, auf denen „Frauen von der Spree“ prangt, und haben ein Banner mit der Aufschrift „Westend Girls“ angebracht.
Besonders beachtlich: 90 Minuten lang unterstützen sie das Team innbrünstig mit Gesängen, von denen einige auch bei den Männern gesungen werden und andere extra für die Frauen gedichtet wurden („Da hat die Hertha-Frau den Ball ins Netz gehauen“). Einen Capo gibt es auch, der die Menge mit seinem Megafon anheizt. Mit dieser Zeitung will er allerdings nicht sprechen, ganz wie es unter Ultras eben so üblich ist.
Mit ihrer Begeisterung stecken die Hardcore-Fans auch den Rest der Tribüne an, auf der viele Familien und junge Menschen sitzen, aber auch ältere eingeschworene Fans. Und man merkt, dass die Anfeuerungsrufe den Spielerinnen auf dem Platz in den entscheidenden Momenten neue Motivation geben. Gegen Hoffenheim II sind an diesem Tag 623 Fans gekommen, der Saisonschnitt ist sogar noch etwas niedriger. Bei insgesamt rund 5000 Plätzen im Amateurstadion ist da noch Luft nach oben.
Neben der sportlichen hat sich auch die kulinarische Situation deutlich verbessert: Für vier Euro bekommt man eine solide Bratwurst, für 4,50 Euro ein Bier.
Pommes-Schranke wird originalgetreu mit Paprikapulver serviert. Das gibt natürlich einen Extrapunkt. Außerdem gibt es Currywurst, Sucuk im Brot und für die jüngeren Gäste bunte Slushies.
Ob Hertha die Begeisterung der Fans auch über die kalten Novemberspieltage getragen bekommt, hängt sicher vom sportlichen Erfolg ab. Und davon, wie sehr der Verein die Spieltage bewirbt. So oder so merkt man: Da wächst was.
Die Zweifel vieler Fußballtraditionalisten waren groß, als der FC Viktoria Berlin im vergangenen Jahr in die Zweite Liga aufstieg. Als einziger Berliner Verein kann Viktoria nicht auf eine große Fangemeinschaft der Männer zurückgreifen, sondern muss sich eine eigene Community aufbauen. Genau das gelingt immer besser, wie ein Besuch im Stadion Lichterfelde Mitte Oktober zeigt. Dabei sind die Bedingungen an diesem Sonntag alles andere als ideal: Grauer Himmel, knapp zehn Grad und Wind. Trotzdem sind über 750 Menschen für das Spiel gegen Ingolstadt gekommen.
Bereits vor Anpfiff schlendern einige Fans an dem Merch-Stand entlang – besonders die Schals und Mützen in Pink und Hellblau kommen bei den Temperaturen gut an.
Bei Viktoria geht es nicht nur um Fußball, sondern auch um das Drumherum. Deshalb gibt es einen Tisch, an dem Kinder basteln und sich schminken lassen können. Und deshalb steht jeder Spieltag im Zeichen eines gesellschaftlichen Themas, an diesem Sonntag ist es Brustkrebs.
Da wundert es nicht, dass die Spielerinnen in rosa Trikots auflaufen, die Fans vor Anpfiff rosa Schilder in die Höhe halten und in der Halbzeitpause die Gründerin von „Pink Ribbon“ interviewt wird. Und es gibt an den Ständen noch etwas Besonderes zu kaufen:
Die Armbinde in den Regenbogenfarben – das Zeichen für Vielfalt und Respekt im Fußball, das bei der Männer-WM in Katar für viele Diskussionen sorgte. Hier in Lichterfelde ist es fester Bestandteil des Selbstverständnisses des Vereins. Auch während des gesamten Spiels schwenkt ein Fan eine große Regenbogenfahne.
An einem kleinen Imbiss gibt es für kleines Geld außerdem Pommes, Currywurst und andere Snacks. Bier gibt es vom Fass, auch alkoholfrei. Eine Besonderheit, die Viktoria von anderen Vereinen unterscheidet, erwartet die Fans am Grillstand: Dort gibt es neben der klassischen Bratwurst auch vegane Bratwurst – beides für vier Euro.
Ein Geschmackstest zeigt: Die vegane Bratwurst auf Basis von Erbsenproteinen ist eine 10/10. Außen knusprig, innen schön fest und saftig.
Eine, die schon seit Anfang an dabei ist, ist Nina Potzel, Stadionsprecherin bei Viktoria. „Die Stimmung ist so besonders, weil es extrem familiär ist. Viele kommen mit ihren Kindern und man kennt sich einfach.“ Potzel meint: Genau die Verbindungen unter den Fans seien wichtig, um die Community aufzubauen und langfristig mehr Anhänger zu gewinnen.
„Viktoria hat nicht das Standing wie Union oder Hertha. Wir müssen uns den großen Namen erarbeiten, vor allem überregional.“
Dabei könne es helfen, wenn die Fans sich untereinander besser kennenlernen, für die Spiele verabreden und womöglich auch Freunde mitbringen. „Das merkt man an der himmelblauen Kurve: Wenn man einmal gefangen wird, kommt man häufiger.“
Eine ganze Weile plätschert das Spiel gegen Ingolstadt so vor sich hin, kein Team hat ernsthafte Torchancen und die Zuschauenden plaudern eher, als zuzuschauen. Das ändert sich erst in der 30. Minute, als Antonia Halverkamps erstmals auf Tor schießt, aber nicht trifft. Das holt sie dann zwölf Minuten später nach, als sie das 1:0 erzielt.
Da kommt dann auch Stimmung auf, zumindest ganz vorne am Spielfeldrand bei der himmelblauen Kurve, die aus etwa zehn Menschen besteht.
Der Rest des Publikums tut sich mit Gesängen etwas schwer, was wohl auch daran liegt, dass sie anders als bei Hertha und Union nicht auf die bekannten Gesänge der Männer zurückgreifen können.
In der Stimmung besteht wohl auch weiterhin die größte Herausforderung für Viktoria. Sportlich gesehen hat der Verein nochmal eine ordentliche Schippe draufgelegt, indem er mit Vanessa Fürst eine echte Topspielerin verpflichtete und sich mit Anja Mittag Verstärkung im Trainerteam holte.
Doch trotz Maskottchen Vicky, das bei jedem Spiel dabei und für die Kinder ein echtes Highlight ist, könnte stimmungsmäßig auch gegen weniger prominente Teams wie Ingolstadt noch mehr gehen. Vielleicht wird das Stadion ja am 8. November gegen Hertha voll, 4300 Plätze fasst es.