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Vielleicht sollte George Russell öfter das erste Freie Training aussitzen. In Mexiko fehlt dem in der Formel-1-Krise steckenden WM-Zweiten eine ganze Session im Vergleich zu seinem Teamkollegen. Und doch ist er im FP2 eine ganze Zehntel schneller als Kimi Antonelli – obwohl beide Mercedes-Fahrer mit dem Auto zu kämpfen hatten.
"Es war kein schlechter Freitag", lautet Russells Fazit nach den Trainings auf dem Autódromo Hermanos Rodríguez. Er gab seinen W17 am Vormittag in Mexiko-Stadt in die fähigen Hände von Fred Vesti, der mit dem dritten Platz und nicht einmal einer ganzen Zehntelsekunde Rückstand auf Antonelli auf dem noch wenig Grip-reichen Kurs beeindruckte.
In der zweiten Session übernahm Russell das Steuer vom Rookie. "Oft sieht man bei einem Formel-1-Fahrer, der das FP1 verpasst, dass er in FP2 ein bisschen hinterher ist. Das war bei George nicht der Fall. Er war ziemlich zufrieden", ist Bradley Lord, der stellvertretende Mercedes-Teamchef, begeistert. Denn Russell brauchte lediglich ein paar Runden und kleine Setup-Änderungen, um Fuß zu fassen und seinen Teamkollegen zu düpieren.
Das Mexiko-Wochenende ist äußerst wichtig für die Silberpfeile. Nicht nur, dass Antonelli am Sonntag mit fast 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit der neue und jüngste Formel-1-Weltmeister wird – Mercedes hat auch zum ersten Mal die Chance, sich zum Konstrukteursweltmeister zu krönen. Dazu müssen im Rennen beide Fahrer aufs Podium kommen und einer muss gewinnen, während Ferrari nur wenige Punkte abstauben darf. Die genauen Szenarien gibt es hier in der Übersicht:
| Mercedes-Resultat | Ferrari-Resultat | Ergebnis | |
|---|---|---|---|
| Szenario 1 | P1 + P2 | nicht mehr als 4 Punkte | Mercedes wird Weltmeister |
| Szenario 2 | P1 + P3 | nicht mehr als 1 Punkt | Mercedes wird Weltmeister |
| Szenario 3 | Jede andere Kombination | - | Mercedes wird nicht Weltmeister |
Das Wochenende in der mexikanischen Hauptstadt ist aber ebenso von großer Bedeutung für Russell. Er erklärte am Donnerstag, dass er seine Krise hinter sich lassen und die Saison mit einem positiven Gefühl verlassen möchte. Mit seiner Freitagsperformance legte er dafür schon einmal den ersten Stein.
"Er ist mit einem richtig guten Gemütszustand hierhergekommen", lobt Lord Russells Mentalität. "Nach einem schwierigen Wochenende in Austin ist er jetzt entschlossen, das hinter sich zu lassen und sich hier in seiner besten Form zu präsentieren. Damit hat er schon sehr gut angefangen."
Auch wenn es für den Briten nicht reibungslos verlief, wie er selbst verrät: "Ich habe das neue Paket noch immer nicht ganz verstanden." Russell hatte schon seit seiner Einführung Probleme, das kleinere Arbeitsfenster des problematischen Sepang-Updates zu treffen. Auch, weil er in Singapur freiwillig mit der älteren Spezifikation fuhr, um einen Vergleichstest zu fahren.
"Wir haben bemerkt, dass wir an einigen Balance-Einschränkungen leiden, und wir haben Probleme, diese zu bewältigen", beschreibt Russell die Situation in Mexiko. Wenigstens gibt es einen Lichtblick für den Mercedes-Piloten: Anders als in Austin, treten diese Probleme nicht nur auf seiner Seite der Garage auf. "Ich und Kimi sind derzeit beide außerhalb des idealen Arbeitsfensters, ähnlich wie in Malaysia. Es ist nicht so wie in Austin, wo Kimi den Sweetspot getroffen hatte."
Dass Antonellis kleiner Rückstand etwas mit dem Auto und nicht nur mit seinem gesundheitlichen Zustand zu tun hat, dürfte Russell freuen. Der WM-Leader hatte sich nämlich am Donnerstag von allen Medienterminen entschuldigen lassen, da er sich von einer Viruserkrankung erholte. Am Freitag war er wieder zumindest fit genug fürs Cockpit.
"Es ist nie einfach, ein Gefühl für das Auto zu entwickeln, besonders im ersten Training, wenn die Strecke noch sauber gefahren werden muss", erklärt Antonelli seine Performance. "Wir haben zwischen den Sessions ein paar verschiedene Dinge ausprobiert, um die Balance des Autos in ein besseres Fenster zu bringen, und es scheint, als hätten wir uns für das zweite Training verbessert. Es gibt definitiv noch Dinge, die wir im Hinblick auf Samstag verbessern können."
Die Verbesserung dürfte sich aber schwerer gestalten, als Antonelli es darstellt. Russell ist da schon ein bisschen direkter: "Wir haben derzeit keine klare Vorstellung, wie wir das Auto ins richtige Arbeitsfenster bringen", gibt er nach dem Training zu. Das Hauptproblem bestehe darin, dass die Balance sich innerhalb der Kurve ändert. "Das Auto ist nicht dort, wo wir es gerne hätten", so Russell. "Das wird etwas Arbeit brauchen. Hoffentlich können wir es über Nacht hinbekommen."
Um seinen WM-Traum am Leben zu erhalten, braucht Russell nichts weniger als den Sieg. Dazu darf Antonelli nicht mehr als einen einzigen Punkt einfahren, ansonsten wird er mathematisch uneinholbar. Das könnte sich schwer gestalten, denn es scheint, als wäre Ferrari das stärkste Team in Mexiko. "Ferrari sieht sehr stark aus, aber das haben wir vor dem Wochenende schon erwartet", weiß Russell, wen es am Sonntag zu schlagen gilt.