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Aus im DFB-Pokal: Was vom HSV noch übrig ist
Schiedsrichter Tobias Stieler (li.) spricht mit Albert Lokonga: Gegen Frankfurt schieden die Hamburger mit 1:3 aus dem Pokal aus.
Schiedsrichter Tobias Stieler (li.) spricht mit Albert Lokonga: Gegen Frankfurt schieden die Hamburger mit 1:3 aus dem Pokal aus.Marcus Brandt/dpa

In der 67. Minute war wie durch ein Brennglas zu sehen, wie es gerade um den Hamburger SV steht. Shafiq Nandja täuschte auf der rechten Abwehrseite einen langen Ball an und ließ dabei einen Gegenspieler ins Leere laufen, eine hübsche Aktion war das, die mit einem standesgemäßen „Ohhhh“ vom Publikum im heimischen Volksparkstadion gewürdigt wurde. Der 19-Jährige verzichtete daraufhin auf einen Sicherheitspass zum 18-jährigen Jason Bissi-Mouelle und wählte stattdessen ein vorwärtsgewandtes Zuspiel auf Miro Muheim, der den Ball zackig weitergab, sich erneut freilief und am gegnerischen Sechzehner in eine brauchbare Schussposition gelangte.

Die Liga weiß, dass Muheims Schüsse raketenartige Flugbahnen aufnehmen können, doch der Schweizer zögerte und zögerte und geriet daraufhin in die Verlegenheit, quer nach links zu passen. Aus seiner Verlegenheit wurde schnurstracks ein Ballbesitz für Eintracht Frankfurt. Und aus der zu diesem Zeitpunkt noch halbwegs ausgeglichenen Partie wurde eine vergleichsweise klare Angelegenheit, weil kurz darauf Jonathan Burkhardt zum zwischenzeitlichen 2:0 und Younes Ebnoutalib zum 3:0 trafen. Mehr als Terem Moffis Tor zum 1:3-Endstand war nicht mehr drin für den HSV, trotz großer Anstrengungen, trotz dezibelstarken Beistands von den Hamburger Fans.

Merlin Polzin beim Hamburger SV

:0:5, 0:5, Vertragsverlängerung

Was macht der HSV nach dem drittschlechtesten Saisonstart, den je ein Bundesligist hingelegt hat? Er verlängert den Vertrag mit Cheftrainer Merlin Polzin. Und gibt damit erneut Rätsel auf.

Der HSV hat sich am Dienstagabend aus dem DFB-Pokal verabschiedet, das war die schlechte Nachricht für alle, die es mit dem Traditionsklub halten. Doch es gab auch eine gute Nachricht: Die Hamburger haben es geschafft, das Spiel mit elf Mann auf dem Rasen zu beenden und hierfür nicht die komplette Ersatzbank leer räumen zu müssen. Von jener Ersatzbank rückte etwa der blutjunge Bissi-Mouelle in die Hamburger Elf, weil der Abwehrchef Sebastiaan Bornauw zur Halbzeitpause angeschlagen ausgewechselt werden musste. Und als Mitte der zweiten Hälfte Mittelfeldmann Albert Grönbaek (angeschlagen) sowie der in den Vorwochen so schussgewaltige Linksverteidiger Muheim (unverletzt, aber am Dienstag zentraler Mittelfeldspieler) ebenfalls vom Platz trabten, war es endlich vollbracht: Nun war im Grunde kein Fußballer mehr übrig, der in der vergangenen Rückrunde zur Hamburger Startelf gezählt hätte.

Eigengewächse wie Nandja oder Bissi-Mouelle mischten sich unter lange Verletzte wie Alexander Rössing-Lelesiit oder Warmed Omari und Sommerzugänge wie Zakaria El Ouahdi oder Martin Adeline. Und zur Überraschung vieler im Stadion, womöglich auch zur eigenen, trug nun der eingewechselte Sommerzugang Patson Daka die Kapitänsbinde am Arm. Ein Stürmer, der laut vereinsinterner Hierarchie eigentlich nicht mal dann infrage kommt, wenn sich etablierte Kräfte wie Kapitän Nicolai Remberg (Kreuzbandriss), Stürmer Yussuf Poulsen (Hüftprobleme), Spielmacher Fabio Vieira (Muskelfaserriss) oder Defensivmann Nicolas Capaldo (Zerrung) längst vom Spielbetrieb abgemeldet haben.

Das Schicksal meint es aktuell nicht gut mit dem HSV, bundesweit weist wohl kein anderer Verein eine derart imposante Abwesenheitsliste auf. „Es trifft uns gerade ein bisschen heftiger“, sagte Sportdirektor Claus Costa nach der Partie, sichtlich bemüht darum, keinen weiteren Alarmismus zu verbreiten. Auch Hamburgs Coach Merlin Polzin war offenkundig darum bemüht, beruhigende Botschaften auszusenden und all jenen den Rücken zu stärken, die noch übrig sind. „Fest steht, dass sich die Jungs ihren Platz bei uns verdient haben“, sagte Polzin und meinte damit insbesondere die jungen Nandja und Bissi-Mouelle: „Wir werden gut auf sie aufpassen, ihnen weiter Vertrauen geben. Sie werden aus diesen Situationen lernen.“

Die Hamburger entwickelten ungeahnte Offensivkräfte – im Vergleich zu den überschaubaren Leistungen zuletzt

Beide Teenager hatten ihre Erfahrungsdefizite nicht dauerhaft kaschieren können; Nandja war vor Burkhardts Treffer (71. Minute) eine Frankfurter Flanke durchgerutscht, Bissi-Mouelle hatte sich gemeinsam mit dem Rest der Hamburger Defensive von Ebnoutalib (75.) zu leicht auswackeln lassen. In Anbetracht der Gesamtumstände waren defensive Fahrigkeiten kaum zu vermeiden. Dass zu besagten Gesamtumständen jedoch Pech mit dem Schiedsrichter sowie statistische Ausreißer hinzukamen – das hätte die Hamburger mehr verärgern können, als das am Dienstagabend der Fall gewesen war.

Über die „Schlüsselszene“ der Partie wollte sich Coach Polzin nicht großartig auslassen, nur so viel: Es habe sich aus seiner Sicht in der 35. Minute um einen „klaren Elfmeter“ gehandelt, als Hamburgs El Ouahdi im Strafraum in vollem Lauf gegen die Hüfte von Frankfurts Robin Koch prallte; eine Einschätzung, der auch Eintracht-Coach Adi Hütter ausdrücklich nicht widersprechen wollte. Hinzu kam zu Beginn der zweiten Hälfte eine mögliche gelb-rote Karte für Frankfurts Nnamdi Collins, nachdem der den Hamburger David Möller Wolfe mit der Schulter am Kopf getroffen hatte. Schiedsrichter Tobias Stieler entschied beide Szenen zuungunsten des HSV, wobei er den einen ausgebliebenen Pfiff hinterher bereute (Elfmeter), den anderen jedoch im TV-Interview verteidigte (keine Karte für Collins).

Davon abgesehen boten die Hamburger – insbesondere im Vergleich zum verheerenden 0:1 in Paderborn am Samstag – einen Auftritt, der sich sehen lassen konnte und sich zudem in einigen Zahlen und Fakten manifestierte: 15 Mal schoss die Polzin-Elf aufs gegnerische Tor, bei einer erwarteten Torwahrscheinlichkeit von beachtlichen 2,95 xG – so viel Offensivwucht haben die Hamburger selten zusammengebracht in den vergangenen Wochen. In dieser Phase waren die Leistungen überschaubar gewesen, die Gesamtzahl der erwirtschafteten Punkte aber dennoch respektabel.

„Der Gewinner bleibt“, so laute nun mal das Motto im Pokal, erläuterte Hamburgs Trainer Polzin. Er klang reumütig, wusste aber wenigstens: Der Verlierer bekommt sehr bald die Chance, Revanche zu nehmen. Am Sonntag steht für den HSV – oder für das, was von ihm übrig ist – ein Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt an.

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