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Heute sind die beiden Weltmeister Klaus Augenthaler und Rudi Völler längst wieder miteinander versöhnt, doch im kalten Herbst 1985 wurde es erst einmal frostig um die beiden. Schuld war ein Foul mit großen Folgen.
Es ist eine dieser Geschichten, die nie vergessen werden. Bundesliga-Historie pur! Kein Wunder, dass der dramatische Nachmittag des 23. November 1985 auch in dem frisch erschienenen Buch "Rudi Völler. Einer für alle" von Christoph Bausenwein eine prägende Stelle einnimmt. Diese eine Szene sollte eine ganze Saison verändern - und am Ende Werder Bremen möglicherweise sogar die Meisterschaft kosten.
Die Mannschaft aus dem Norden war damals als Tabellenführer in den Süden gereist. Unter der Woche hatten die Bremer eindrucksvoll ihren Anspruch auf den Titel mit einem 2:1 beim direkten Konkurrenten Borussia Mönchengladbach untermauert und endlich wieder das Comeback ihres Stürmers Rudi Völler gefeiert. Der Nationalspieler war spektakulär in die Saison gestartet, war dann aber bei einem 3:2-Sieg in Bochum vom VfL-Profi Frank Benatelli so fies am Knöchel getroffen worden, dass er anschließend sieben Wochen pausieren musste. Als Völler dann wieder auf dem Bökelberg auf dem Platz stand, gelang ihm direkt das wichtige 1:0 für Werder.
Voller Tatendrang und mit viel Optimismus reiste Werder also am 23. November 1985 in die kalte bayrische Landeshauptstadt. „Der Platz musste freigeschippt werden, hinter den Toren und teilweise auch auf den Rängen häuften sich Schneeberge“, schreibt Bausenwein in seiner umfassenden und äußerst lesenswerten Völler-Chronik. Dementsprechend ungemütlich war die Atmosphäre im Olympiastadion, die sich nach der frühen Führung durch Norbert Nachtweih für den Tabellenführer aus dem Nordern noch etwas frostiger anfühlen sollte. Und dann kam die 17. Spielminute.
Ein Schalker Junge auf der verzweifelten Suche nach der Wahrheit
Redelings NachspielzeitBayerns-Abwehrhaudegen Klaus Augenthaler trat den stürmenden Rudi Völler ohne die geringste Chance an den Ball zu kommen von den Beinen. Der Nationalstürmer überschlug sich mehrmals und krümmte sich anschließend vor Schmerzen auf dem Boden. Minutenlang blieb der Werderaner verletzt auf dem Rasen liegen und wurde schließlich ausgewechselt. Augenthaler sagte hinterher in einer ersten Reaktion völlig emotionslos: "Ich sah nur etwas Grün-Weißes auf unseren Strafraum zukommen." Und sein Trainer Udo Lattek gab indirekt sogar Völler die Schuld an seiner Verletzung: "Der Rudi ist zu schnell!"
Da die Bayern das Spiel mit 3:1 für sich entschieden, waren sie mit nur noch einem Punkt Rückstand wieder an Werder dran. Bausenwein schreibt: "Auf der anschließenden Pressekonferenz war das Klima zwischen den Parteien vergiftet. Er wisse gar nicht mehr, was er mit dem Rudi machen solle, beschwerte sich Otto Rehhagel: 'Wo immer wir hinkommen, wird er brutal gefoult und niedergemacht. Normalerweise kann ich den Rudi gar nicht mehr aufstellen.' Selbst der sonst so besonnene Werder-Präsident Dr. Franz Böhmert sprach von einer 'brutalen Treterei' der Bayern. Die wiegelten hingegen ab. 'Wir spielen ja nicht Tischtennis oder Schach', meinte Trainer Udo Lattek, Manager Uli Hoeneß nannte Augenthalers Einsteigen ein 'normales Foul', und Augenthaler selbst lieferte dieses Statement ab: 'Ich habe selbst den ganzen Knöchel offen. Wenn es ein absichtliches Foul gewesen wäre, dann hätte ich ihn mit den Stollen oder dem Schuh getroffen.'"
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Hinterher gab es lange Zeit noch Diskussionen über die hässliche Aktion von Augenthaler, vor allem auch deshalb, weil Rudi Völler seiner Mannschaft über Monate fehlen sollte. Bausenwein schreibt: "Die Angelegenheit köchelte noch lange in der Öffentlichkeit, mit jeder TV-Wiederholung wirkte das Foul noch ein Stück brutaler. Augenthaler blieb lange Zeit der große Buhmann, wochenlang wurde er in jedem Stadion bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, monatelang wurde diskutiert und kommentiert, und nachdem es sogar Morddrohungen gegeben hatte, wurde sein Haus unter Polizeischutz gestellt."
Doch das war noch nicht alles, denn nach der ersten Diagnose "Adduktorenabriss im linken Oberschenkel" ging es auch für den Werder-Star erst so richtig los, wie Rudi Völler im Buch erzählt: "Dass ich monatelang nicht spielen konnte, das lag nicht an Augenthaler. Keiner wusste, was ich wirklich hatte. Die Ärzte stellten einen Beckenschiefstand fest, hervorgerufen durch eine ungleiche Beinlänge. Mein rechtes Bein, so wurde vermessen, ist vier Millimeter kürzer als mein linkes. Ich lief von Arzt zu Arzt, von Masseur zu Masseur. Ganz Deutschland diskutierte inzwischen. Ein Ärzte- streit entbrannte ..."
Als sich Nationaltrainer Franz Beckenbauer wegen der nahenden Weltmeisterschaft in Mexiko auch noch in das öffentliche Theater einschaltete und Völler anriet, zu Dr. Müller-Wohlfahrt, dem DFB- und Bayern-Arzt zu gehen, eskalierte die Situation zwischen Werder und den Bayern vollends. Gegenseitig machte man sich Vorwürfe. Nur gut, dass die Angelegenheit zwischen den beiden Hauptprotagonisten, Augenthaler und Völler, bereits aus der Welt geschaffen war. Der Werder-Spieler hatte dem Bayern-Akteur geglaubt, dass es keine Absicht gewesen sei. Und dann traf es sich gut, dass zu Silvester die Mannschaften der Bremer und der Bayern ins österreichische Leogang in den Skiurlaub fuhren und im selben Hotel wohnten. "Dort haben wir uns beim Eisstockschießen ausgesprochen", so Augenthaler, "und hinterher an der Bar einige Schnäpse getrunken".
Völler verpasste anschließend jedoch fast die komplette Rückrunde und feierte erst kurz vor Schluss sein Comeback - und das ausgerechnet gegen die Bayern. Die Partie ist heute eine Bundesliga-Legende, weil Werder in diesem Spiel, in dem die Bremer mit einem Sieg die deutsche Meisterschaft hätten klarmachen können, das aber schlussendlich nur 0:0 ausging, den Traum vom Titel im Kopf bereits verspielten. Für Völler hätte es am Ende nach seiner langen Leidenszeit eine Happyend-Story werden können, doch es kam anders, wie er selbst bis heute immer wieder erzählen muss: "Ich werde eingewechselt, hole den Elfmeter raus und mein Spezi Kutzi verschießt den einzigen Elfer seiner Karriere. Das ist eine Geschichte, die man sich für einen Hollywood-Film nicht besser hätte ausdenken können."
Verwendete Quelle: ntv.de