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Top-Funktionär im Interview: Martin Engelhardt will DOSB-Präsident werden – mit Rückenwind aus Bayern
DTU-Präsident Martin Engelhardt tritt am 5. Dezember gegen Michael Mronz an - und rechnet sich gute Chancen aus. - Foto: Guido Kirchner/dpa

Am 5. Dezember wählen Mitglieder des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Delegierte in Frankfurt einen neuen DOSB-Präsidenten. Triathlon-Boss Martin Engelhardt tritt an – und erhält besonders viel Unterstützung aus Bayern. Im Interview verrät er, wie Deutschland wieder mehr Medaillen gewinnen kann und erläutert seinen „Sportplan“.

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Herr Engelhardt, Sie sagen, der deutsche Sport stehe an einem Wendepunkt. Was meinen Sie damit?
Martin Engelhardt: Seit dem 21. Oktober haben wir ein bundesweites Sportfördergesetz, das eine Spitzensportagentur vorsieht. Der DOSB hat sich in den vergangenen Jahren stark über den Hochleistungssport definiert. Nun verschieben sich Zuständigkeiten zur neuen Agentur. Zusammen mit der von uns initiierten Olympia-Bewerbung bringt das erhebliche Veränderungen mit sich.

Durch die Agentur wächst der Einfluss der Politik auf den Sport. Wie muss sich der DOSB positionieren?
Engelhardt: Der DOSB sollte sich nicht verärgert zurückziehen, sondern selbstbewusst auf Augenhöhe mit der Politik auftreten. Wir wollen keinen Staatssport, sondern einen möglichst erfolgreichen Sport, der den Menschen in unserem Land viele Vorteile bringt.

Viele wollen auch im Medaillenspiegel bei Olympia oder Weltmeisterschaften wieder besser dastehen. . .
Engelhardt: Trotz deutlich gestiegener Förderung haben wir bei Olympischen Spielen zuletzt immer weniger Medaillen gewonnen. Das liegt nicht daran, dass die Athletinnen und Athleten schlechte Arbeit leisten, sondern an unklaren Zuständigkeiten. Hier liegt die Chance der Spitzensportagentur: Das Geld muss gezielt bei den Athleten, fähigen Trainern und Stützpunkten ankommen. Entscheidend wird sein, ob wir die besten Leute für die Agentur abstellen können.

Norwegen hat bei den diesjährigen Winterspielen mit 41 Medaillen mit Abstand am erfolgreichsten abgeschnitten. Was läuft dort besser?
Engelhardt: Wenn Sie sich die Winterspiele 1988 in Calgary angucken: Da hat kein Norweger eine Goldmedaille geholt. Danach wurden die Strukturen zentralisiert und professionalisiert, die Wissenschaft wurde eingebunden. Schon 1994 in Lillehammer war Norwegen gemessen an der Medaillenanzahl die erfolgreichste Nation. Wir müssen die Veränderungen in Deutschland als Chance begreifen, um international wieder erfolgreicher zu werden.

Auch im Breitensport soll sich Deutschland verändern. Sie haben einen Sportplan ausgearbeitet.
Engelhardt: Meine Vorstellung ist, dass wir in zehn Jahren in einem Land leben, in dem sich jedes Kind täglich bewegt und schwimmen kann, die Vereine vernünftige Sportstätten haben und das Ehrenamt wieder Freude macht, statt Menschen mit Formularen zu belasten. Das gilt besonders für den ländlichen Raum. Dort brauchen die Menschen eine Perspektive. Das ist der Kern meiner Bewerbung.

Der Sport hat in Deutschland nicht den Stellenwert, den er haben sollte.

Wie sieht Ihr Sportplan aus?
Engelhardt: Wir brauchen 60 Minuten qualifizierte Bewegung pro Tag für Kinder – in Norwegen wurde das schon vor 20 Jahren eingeführt. Außerdem brauchen wir dringend gute Sportstätten für die Grundsportarten. Viele Hallen und Bäder sind marode. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kann nur noch etwa die Hälfte der Zehnjährigen am Ende der Grundschulzeit gut schwimmen. Genauso wichtig wie moderne Sportstätten ist ein verlässlicher Zugang zu ihnen – auch am Wochenende. Angesichts des zunehmenden Ganztagsbetriebs müssen Vereinstrainer in die Schulen kommen. Hamburg hat damit begonnen: Dort gestalten Vereinstrainer zwei der fünf Sportstunden pro Woche. Diesen Weg müssen wir weitergehen.

Damit einhergehen würden erhebliche Investitionen. Warum das Ganze in einer Zeit, in der die Gesellschaft vor vielen anderen Problemen steht?
Engelhardt: Der Sport hat in Deutschland nicht den Stellenwert, den er haben sollte. Ich bin überzeugt, dass ein solches Programm unserer Gesellschaft viel geben kann: mehr Lebensqualität, aber auch mehr Zusammenhalt. Ich bin, wie Jürgen Klopp einmal gesagt hat, Patriot im positiven Sinne, kein Nationalist. Ich bin stolz, in einem Land zu leben, in dem Frieden, Freiheit und Rechtssicherheit herrschen und das einen Wohlstand erreicht hat, den es in dieser Form über einen so langen Zeitraum nie gegeben hat. Der Sport kann dazu beitragen, dass wir uns diese Errungenschaften stärker bewusst machen und die mitunter sehr negative Stimmung im Land verbessern.

Ich habe zum Beispiel mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder über solche Themen gesprochen. Ich habe dabei gespürt, dass die Notwendigkeit gesehen wird.

Und wer soll den Plan finanzieren?
Engelhardt: Wir brauchen die Unterstützung der gesamten Staatsführung – vom Bundeskanzler über die Ministerpräsidenten bis zu den Kommunen. Und zwar über einen längeren Zeitraum, der über eine einzelne Wahlperiode hinausgeht.

Haben Sie die Kontakte, um auf höchster politischer Ebene Veränderungen anstoßen zu können?
Engelhardt: Ich verfüge über ein gutes Netzwerk. Ich habe zum Beispiel mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder über solche Themen gesprochen. Ich habe dabei gespürt, dass die Notwendigkeit gesehen wird. Deutschland hat grundsätzlich kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir haben viele gute Konzepte und wissenschaftliche Erkenntnisse, schaffen es aber zu selten, sie in die Praxis zu übertragen. Das zeigt sich auch im Gesundheitswesen: Rund 80 Prozent der Krankheitskosten entfallen auf Zivilisationserkrankungen, die sich durch eine vernünftige Lebensweise zumindest teilweise vermeiden ließen.

Sie sagen, Deutschland habe ein Umsetzungsproblem. Sie selbst haben als Präsident der Deutschen Triathlon Union in Ihrer zweiten Amtszeit ab 2011 einen zerstrittenen und wirtschaftlich brennenden Verband saniert. Was haben Sie umgesetzt?
Engelhardt: Wir haben unterschiedliche Interessen zu gemeinsamen Zielen zusammengeführt und daraus eine produktive Zusammenarbeit entwickelt. Streit führt meist dazu, dass alle verlieren. Verständigt man sich auf gemeinsame Ziele, entsteht Erfolg. Konkret: Wir haben 2011 entschieden, die Landesverbände stärker einzubinden. Seitdem nehmen an jeder Präsidiumssitzung zwei Vertreter der Landesverbände teil – einer aus einem großen, einer aus einem kleinen Verband. So kommen unterschiedliche Perspektiven zur Geltung. Außerdem sind immer zwei Athletenvertreter dabei, eine Frau und ein Mann. Jeder kann seine Interessen einbringen, aber auch nachvollziehen, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden.

Nächstes Jahr steht im internationalen Triathlon ein Umbruch an. Ist die DTU vorbereitet?
Engelhardt: Ja, zwei Beispiele. Die DTU richtet in Hamburg im kommenden Jahr das Grand Final der WTCS aus, eines der wichtigsten Events im Kalender des Weltverbandes. Das bietet die Chance, großartige Bilder aus Deutschland in die Welt zu senden. Gleichzeitig wollen wir München als zweites großes internationales Standbein aufbauen – und dabei nicht nur eine Veranstaltung für die Weltspitze anbieten, sondern auch für leistungsorientierte Breitensportler. Zunächst hatten wir 3000 Startplätze vorgesehen. Sechs Stunden nach der Öffnung waren alle vergeben. Das zeigt, welche Begeisterung wir für den Triathlon wecken konnten.

Die DTU dürften Sie bei Ihrer Kandidatur hinter sich wissen.
Engelhardt: Bevor ich meine Bewerbung eingereicht habe, habe ich die Gremien der DTU um ihre Unterstützung gefragt. Davon habe ich meine Entscheidung abhängig gemacht. Sowohl das Präsidium als auch die Präsidenten der Landesverbände haben mir einstimmig den Rücken gestärkt – auch diejenigen, mit denen ich in der Vergangenheit nicht immer einer Meinung war. Diese Sympathiebekundung hat mich besonders gefreut.

Ich freue mich über die Unterstützung aus Bayern, aber auch aus vielen anderen Regionen und unterschiedlichen Verbandsgruppen

Sie hatten bereits 2018 gegen den damaligen DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann kandidiert. Damals war es ein Statement – Sie wussten, dass Sie nicht gewinnen. Jetzt ist die Lage anders: Neben den Triathleten sollen Ruderer, die Leichtathletik, der Wintersport und vor allem die bayerischen Vertreter hinter Ihnen stehen. Haben Sie sich den Sieg durchgerechnet?
Engelhardt: 2018 gab es zum ersten Mal überhaupt einen Gegenkandidaten. Ich und viele andere Verbandspräsidenten waren mit dem Führungsstil des damaligen Präsidenten nicht einverstanden. Es ging darum, Haltung zu zeigen. Heute trete ich mit einem konkreten Plan und einer Vision an. Wir möchten gemeinsam etwas für den deutschen Sport erreichen. Ich freue mich über die Unterstützung aus Bayern, aber auch aus vielen anderen Regionen und unterschiedlichen Verbandsgruppen. Der DOSB ist sehr heterogen: Olympische und nicht olympische Verbände, Verbände mit besonderen Aufgaben sowie die Landessportbünde haben teilweise sehr unterschiedliche Interessen. Mit meiner Erfahrung aus 50 Jahren ehrenamtlicher Arbeit traue ich mir zu, die Interessen zusammenzuführen.

Rechnen Sie am 5. Dezember mit einer Mehrheit?
Engelhardt: Ich gehe davon aus, dass ich gute Chancen habe. Die Unterstützung, die ich aus sehr unterschiedlichen Verbandsgruppen und Regionen erhalte, ist groß – von den olympischen Spitzenverbänden über die nicht-olympischen bis zu den Landessportbünden. Das stimmt mich zuversichtlich.

DAS sportpolitische Ziel dieser Tage ist, Olympia nach München zu holen. Dafür verantwortlich ist Michael Mronz – Ihr Gegenkandidat. Wäre er dann nicht die logische Wahl?
Engelhardt: Michael Mronz war der Vorschlag der Findungskommission. Dieser Vorschlag wurde am 2. Oktober in Oberhaching vorgestellt – und er war nicht mehrheitsfähig. Weder die Spitzenverbände noch die Landessportbünde standen geschlossen dahinter. Danach habe ich überlegt, selbst zu kandidieren. Michael Mronz bleibt unabhängig vom Wahlausgang IOC-Mitglied. Die deutsche Stimme im IOC hängt nicht am Amt des DOSB-Präsidenten. Mronz hat sich dort großes Vertrauen erarbeitet. Ich möchte, dass er seine internationale Arbeit fortsetzt. Für eine erfolgreiche Olympia-Bewerbung muss man viel in der Welt unterwegs sein. Gleichzeitig braucht der deutsche Sport jemanden, der sich um die Probleme im eigenen Land kümmert: marode Hallen und Bäder, den Schulsport und das Ehrenamt. Entscheidend für das IOC wird sein, ob wir ein überzeugendes Konzept und eine Geschichte haben, die für Deutschland als Gastgeber sprechen. Und ob der deutsche Sport nach der Wahl geschlossen hinter München steht. Wenn das gelingt, können wir beides erreichen: die Olympischen Spiele nach Deutschland holen und gleichzeitig die dringend notwendigen Aufgaben im eigenen Land angehen.

Der DOSB soll künftig stärker als Dienstleister für seine gesamte Gemeinschaft auftreten, nicht nur politische Ziele durchsetzen. Wir müssen das wahrgenommene Gefälle zwischen Spitze und Basis abbauen

Also zusammengefasst: Mronz soll Olympia holen, Sie reformieren derweil die vernachlässigte Basis?
Engelhardt: Diese Einschätzung müssen wir im DOSB verändern. Man muss geerdet bleiben und anerkennen, dass Verbände und Landessportbünde andere Erwartungen an den Dachverband haben – Erwartungen, die er bislang nicht immer erfüllt. Der DOSB soll künftig stärker als Dienstleister für seine gesamte Gemeinschaft auftreten, nicht nur politische Ziele durchsetzen. Wir müssen das wahrgenommene Gefälle zwischen Spitze und Basis abbauen. Die Mitglieder sollen merken: Wer im Dachverband Verantwortung trägt, verliert nicht den Blick für die Sorgen und Probleme vor Ort.

Sie sind Chefarzt am Klinikum Osnabrück. Als junger Mediziner sollen Sie nach 36-Stunden-Schichten noch joggen gegangen sein – Ihnen wurde eine gewisse Besessenheit nachgesagt. Wie hungrig wären Sie als DOSB-Präsident?
Engelhardt: Ich strebe kein Amt um des Amtes willen an, sondern möchte etwas bewirken. Bis März werde ich meine Arbeit als Chefarzt ordentlich zu Ende führen. Dann liegen 43 Jahre als Mediziner hinter mir, in denen ich einiges erreicht habe. Die Termine des DOSB nehme ich bereits jetzt wahr. Ab April könnte ich meine ganze Kraft dem deutschen Sport widmen. Daran würde ich mit Mut, Zuversicht und viel Energie gehen. Diese Energie schöpfe ich auch aus dem Sport. Ich trainiere nach wie vor mindestens viermal pro Woche Ausdauer. Da hat mir meine Zeit als Bundesliga-Schwimmer früher beim EOSC Offenbach viel Disziplin vermittelt. Der Sport hat mich mein ganzes Leben begleitet. Er hat mich geprägt wie kaum etwas sonst in meinem Leben – und ich bin überzeugt, dass ich auch beruflich ohne den Sport vieles nicht erreicht hätte.

mgb