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Nach dem Gladbach-Schock: Der VfB Stuttgart steht vor grundsätzlichen Fragen
Nach der Blamage gegen Gladbach suchen die VfB-Profis den Kontakt zu den eigenen Fans. In der Cannstatter Kurve gibt es trotz de
Nach der Blamage gegen Gladbach suchen die VfB-Profis den Kontakt zu den eigenen Fans. In der Cannstatter Kurve gibt es trotz der 2:3-Niederlage Applaus – verbunden mit der Erwartung, dass sich ein solcher Auftritt nicht wiederholt. © Hansjürgen Britsch

Stuttgart. Während Alexander Blessin auf der Haupttribüne der MHP-Arena Freunde und Familie herzte, stapften die Spieler des VfB Stuttgart mit gesenkten Köpfen in Richtung Cannstatter Kurve. Der Gladbacher Trainer, in Bad Cannstatt geboren und in Stuttgart-Vaihingen aufgewachsen, hatte gerade einen bemerkenswerten Abend hinter sich: Seine Mannschaft hatte den VfB mit 3:2 besiegt, obwohl sie als punktloses Schlusslicht angereist war und auf zahlreiche Spieler verzichten musste. Die Stuttgarter Fans wiederum hatten einen Auftritt erlebt, der ihnen einiges abverlangte. Nach einer kurzen Ansprache des Capos gab es Applaus aus der Kurve. Die Botschaft lautete: Mund abwischen, weitermachen. Nur ist das mit dem Mundabwischen so eine Sache, wenn eine Niederlage derart viele Fragen hinterlässt.

Auch der zuletzt starke Chris Führich konnte die Heimniederlage gegen Gladbach nicht abwenden.

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Am Dienstag hatte der VfB an gleicher Stelle gegen Atlético Madrid beim 1:1 noch gezeigt, wie attraktiv und konkurrenzfähig sein Fußball sein kann. Am Freitag folgte gegen das bis dahin sieglose Gladbach ein Absturz, der kaum zu erklären schien. Schließlich hatte die Borussia nicht nur den Negativrekord von sieben Niederlagen zum Saisonstart verhindert, sondern auch verdient gewonnen. Gladbach lief fünf Kilometer mehr als Stuttgart, die besseren Chancen hatte ebenfalls der Gast: Die Expected-Goals-Werte lagen bei 2,4 zu 1,2 für die Borussia.

VfB-Coach Hoeneß: „Ich sehe eine verdiente Niederlage“

Was war also passiert? Sebastian Hoeneß saß um 23.15 Uhr auf dem Pressepodium im Bauch der Stuttgarter Arena und suchte nach Erklärungen. „Ich sehe eine verdiente Niederlage“, sagte der Trainer. Gladbach habe eine „Wagenburg-Mentalität“ entwickelt. Das war eine bemerkenswert nüchterne Beschreibung eines Abends, an dem der VfB zunächst alles unter Kontrolle gehabt hatte. Ermedin Demirović traf früh, weitere Chancen waren da. Doch die Stuttgarter versäumten es, aus ihrer Überlegenheit einen beruhigenden Vorsprung zu machen.

„Es läuft alles in deine Richtung, aber du machst das Spiel nicht zu“, sagte Hoeneß. Danach sei seine Mannschaft unpräziser geworden, habe zu viele einfache Bälle verloren. Gladbach gewann zunehmend die entscheidenden Zweikämpfe und zog daraus Selbstvertrauen. Aus einem Spiel, das der VfB hätte kontrollieren müssen, wurde eines, in dem er sich immer weiter verhedderte. Selbst in der Halbzeitpause, als Hoeneß die „Basics“ ansprach, änderte sich daran wenig. „Die Gladbacher waren weiterhin extrem fleißig und gallig.“

Sein Doppelpack reichte gegen Borussia Mönchengladbach nicht zum Sieg: VfB-Stürmer Ermedin Demirovic.

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Die entscheidende Frage lautet deshalb, ob es sich lediglich um einen misslungenen Abend handelte oder um ein tiefer liegendes Problem. Hoeneß wurde für seine Verhältnisse ungewöhnlich deutlich. „Es gibt diese Spiele, in denen du dir zu sicher bist, dass es in deine Richtung läuft. Genau diese Spiele sind gefährlich.“ Irgendwann, räumte er ein, habe seine Mannschaft wohl tatsächlich geglaubt, dass der Abend schon in die gewünschte Richtung gehen werde. „Da müssen wir uns an die eigene Nase fassen.“ Es habe in dieser Saison bereits mehrere Spiele gegeben, in denen der VfB hinterher das Gefühl gehabt habe, es wäre mehr möglich gewesen. Vielleicht, so Hoeneß, sei dieses Gefühl trügerisch gewesen. Vielleicht habe man die Dinge zwar angesprochen, aber nicht mit letzter Konsequenz.

VfB-Sportvorstand Wohlgemuth will Pleite aufarbeiten

Auch Sportvorstand Fabian Wohlgemuth fand klare Worte. „Wir haben ein Spiel verloren gegen den Tabellenletzten. Das müssen wir aufarbeiten.“ Innerhalb der Bundesliga sei die Niederlage ein „Tiefpunkt“. Wohlgemuth beschrieb dabei ziemlich genau, wie die Partie gekippt war: Nach einer halben Stunde habe die Überlegenheit des VfB deutlich höher gelegen als die Führung. Dann verlor Stuttgart den Rhythmus, variierte nicht mehr das Tempo und bekam keinen Zugriff mehr. Gladbach entwickelte eine Mentalität, der die Gastgeber nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Dass der VfB beim zweiten Gegentor eigentlich in Überzahl war und trotzdem den Treffer kassierte, passte ins Bild.

Die Zahlen machen die Lage zusätzlich ungemütlich. Nach sieben Spieltagen hat Stuttgart erst sechs Punkte gesammelt – so wenige wie nie zuvor unter Hoeneß. Fünf Niederlagen zu diesem Zeitpunkt gab es zuletzt vor elf Jahren. In der Champions League ist der VfB nach drei Partien ungeschlagen, in der Bundesliga dagegen steckt er bereits tief in einer Diskussion, die sich mit dem Hinweis auf die noch junge Saison nicht mehr erledigen lässt. Noch einmal ein ungewohnt deutlicher Hoeneß-O-Ton: „Das war ein großer Warnschuss, den wir ernst nehmen müssen. Wir müssen mehr investieren in die Spiele. Es braucht mehr, um Spiele zu gewinnen. Das muss jeder einzelne in seiner eigenen Verantwortung erkennen und die richtigen Schlüsse ziehen.“

Wirft gegen Gladbach die Rotationsmaschine an: VfB-Trainer Sebastian Hoeneß.

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Gladbach-Trainer Blessin sprach derweil nach dem Sieg davon, dass man seiner Mannschaft angemerkt habe, „dass die Mannschaft lebt“. Die Gladbacher seien „wirklich über die einhundert Prozent gegangen“. Vielleicht liegt auch darin ein Teil der Erklärung: Der VfB verließ sich zu lange darauf, dass seine höhere Qualität reichen würde. Hoeneß nannte es eine „mentale Geschichte“, die Frische sei jedenfalls kein Thema gewesen. Nun muss er dafür sorgen, dass aus dem Warnschuss die richtigen Schlüsse gezogen werden. Leverkusen in der Bundesliga, zuvor der Pokal in Paderborn: Die nächsten Prüfungen kommen schnell. Der Herbst im Schwabenland könnte ungemütlich werden.

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