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Peter Görlich hat nicht zu wenig versprochen. Im vergangenen April stellte der Geschäftsführer von Hertha BSC seinen Plan dafür vor, wie er dem eher orientierungslosen Hauptstadtklub eine sportliche Identität verleihen will. Er sprach unterschiedliche Schrauben an, an denen gedreht werden kann und muss. Besonders ein Satz blieb dabei hängen: "Hertha steht die größte Transformation im Fußball bevor."
Es ist ein Satz, der über der kompletten Saisonvorbereitung der Berliner hing. Ein Satz, der oberflächlich im starken Kontrast dazu stand, mit Sportdirektor Benjamin Weber und Trainer Stefan Leitl weiterzuarbeiten. Ein Satz, der auch Fragezeichen folgen ließ. Was genau war damit gemeint? Wo wird diese "größte Transformation" tatsächlich sichtbar sein?
Nach nun zehn Spieltagen der Zweitliga-Saison 2026/27 ist die klare Antwort darauf: Überall! Hertha BSC führt die 2. Bundesliga mit 28 aus 30 möglichen Punkten in beinahe grotesker Dominanz an, hat nun einen 40 Jahre alten Startrekord eingestellt und beim 3:0-Auswärtssieg gegen den 1. FC Kaiserslautern ein fernsehturmgroßes Ausrufezeichen im Aufstiegsrennen gesetzt. Hertha ist im Vergleich zur Vorsaison schlicht nicht wiederzuerkennen.
In den letzten Tagen lag eine gewisse Anspannung in der Berliner Luft. Denn ja, Hertha stand mit 25 Punkten aus neun Ligaspielen sowie dem Pokal-Weiterkommen weiterhin fantastisch da, doch nun sollten zwei Aufgaben warten, die die wahre Qualität der Berliner prüfen würden. Die Partien gegen den 1. FC Kaiserslautern und anschließend VfL Wolfsburg am kommenden Samstagabend als Lackmustest für die "alte Dame". War all das bisher Gesehene ein eher unerklärlicher Höhenflug oder doch das logische Ergebnis hervorragender Arbeit im Berliner Westend?
Torsten Lieberknecht, Cheftrainer in Kaiserslautern, legte sich vor der Begegnung am Samstagmittag bereits fest. "Das ist die größte Herausforderung schlechthin", sagte der FCK-Coach. "Ich habe gedacht, Nürnberg ist der absolute Top-Gegner. Aber jetzt nach der Analyse: Hertha BSC ist nochmal einen Tick besser."
In der Anfangsviertelstunde des Aufeinandertreffens war allerdings der FCK den Tick besser. Die Lauterer verwickelten Hertha in einer Unzahl von Zweikämpfen, gewannen die Mehrheit dieser und nutzten die Balleroberungen für ihr gewohnt starkes Umschaltspiel. Hertha hatte zunächst etwas Mühe, diese blitzschnellen Angriffe zu verteidigen und konnte sich beim hellwachen Torhüter Marius Gersbeck dafür bedanken, die Null gehalten zu haben.
Doch im Stile einer Spitzenmannschaft belohnten sich die Berliner in der 17. Minute dafür, kurz zuvor besser ins Spiel gefunden zu haben und selbst zu ersten Chancen gekommen zu sein. Eine Spitzenmannschaft zeichnet in den allermeisten Fällen eine große Effizienz aus – vorzugsweise vom Mittelstürmer. Doch Sebastian Grönning hatte in den letzten Wochen alles andere als ein glückliches Füßchen – zuletzt traf er am 2. Spieltag. Dass ausgerechnet der Däne den 1:0-Dosenöffner erzielte, stand stellvertretend dafür, dass der "alten Dame" nun scheinbar alles gelingen soll.
Das 1:0 war aber nicht nur deshalb besonders, weil es nach vielen Wochen das erste Tor eines Hertha-Mittelstürmers war, sondern auch, weil damit Julian Krahl überwunden wurde. Der Torhüter von Kaiserslautern hatte zuvor fünf Pflichtspiele lang kein Gegentor mehr kassiert und dabei herausragende Leistungen gezeigt, die defensive Sicherheit ist das Faustpfand der Pfälzer.
Herthas Ballbesitzspiel hat sich jedoch in solch einer Extreme – Obacht – transformiert, dass die Berliner Kaiserslauterns große Stärke regelrecht wie eine Schwäche aussehen ließen. Das 1:0 entsprang einem wunderbar gespielten Angriff über Paul Seguin und Jon Dagur Thorsteinsson, der letztendlich nur noch Grönning vor dem Tor bedienen musste.
Auch das 2:0 war das Produkt klarer spielerischer Abläufe. Hertha kombinierte sich aus der eigenen Innenverteidigung heraus über die linke Seite sehenswert bis ins letzte Angriffsdrittel, ließ Kaiserslautern dabei nicht einmal in die Nähe des Balls kommen. Erneut bedankte sich Grönning als Torschütze. "Wir erzielen fast alle unsere Tore aus der Spielphase des eigenen Ballbesitzes heraus, das ist unglaublich", zeigte sich Trainer Stefan Leitl stolz.
Die spielerische Entwicklung Herthas ist enorm. In der vergangenen Saison definierte sich die "alte Dame" noch fast ausschließlich über reagierendes Spiel und Umschaltaktionen. Die Konterstärke blieb, doch mittlerweile verfügen die Hauptstädter über eine Vielzahl an taktischen Werkzeugen, um auch solch eine massive Defensive zu knacken. Hertha erspielte sich herausragende 2,88 expected goals gegen die "roten Teufel".
Leitl dürfte allerdings genauso stolz auf die Arbeit gegen den Ball gewesen sein. Kaiserslautern kam zwar zu brauchbaren Torchancen, insgesamt aber stemmte sich Hertha in beeindruckender Manier gegen die einnehmende Intensität auf’m Betze. Es war nicht zu allen Zeiten ein schönes Spiel, viel eher ein umkämpfter Schlagabtausch mit ständigen direkten Duellen.
Wer in Kaiserslautern gewinnen will, muss ans Äußerste gehen. Hertha war sich für keinen Zweikampf zu schade, schaltete nie ab und spielte mit der Konsequenz eines Tabellenführers. Eine beeindruckende Präsenz in einem Spiel, in welchem der Gegner einem nichts schenkte. Und so fiel das 3:0 nach einem starken Ballgewinn im Mittelfeldzentrum, den Pedersen mit einer perfekten Vorarbeit für Torschütze Oluwaseun Adewumi (59.) vergoldete.
"Es ist unsere DNA, dass wir intensiv spielen, kämpfen und Zweikämpfe gewinnen wollen. So hat es sich auch wieder auf dem Platz angefühlt, wo ich viel Energie von meinen Mitspielern bekommen habe", lobte Grönning die geschlossene Kampfleistung seiner Mannschaft am Ende einer anstrengenden englischen Woche.
Ein wachsamer Torhüter, ein eiskalter Mittelstürmer, eine geschlossene Kampfleistung der Mannschaft, große Intensität über die komplette Spielzeit und schön herausgespielte Tore aus dem eigenen Ballbesitz heraus. Hertha rührte in Kaiserslautern einen Cocktail an Qualitäten an, wie es nur ein wahres Spitzenteam kann.
Nachdem die gute Arbeit in der Saisonvorbereitung erste Früchte trug, hat sie mit den Erfolgserlebnissen eine Symbiose gebildet, die Hertha derzeit faktisch unschlagbar macht. Noch kein Zweitliga-Team ist so gut in eine Saison gestartet, selbst ein Topgegner wie Kaiserslautern konnte die Blau-Weißen nicht aufhalten.
Doch ein Erfolgsgeheimnis fand noch keine Erwähnung: Herthas Demut. "Wir rauschen mal gar nicht durch diese Liga. Wir müssen leisten, um Spiele zu gewinnen", stellte Leitl klar. "Die Mannschaft beschäftigt sich aktuell immer nur mit dem nächsten Spiel – und genau das macht sie aus", ergänzte Sportdirektor Weber.
Der nächste Härtetest steht bevor: am kommenden Samstag trifft Hertha auf Wolfsburg, das nächste Spitzenspiel. Und das Wiedersehen mit Ex-Spieler Fabian Reese, der noch für die alte Hertha steht. Vor der Transformation.