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Ein üppiges Heimpublikum soll beflügelnd wirken, bei dem Dartsprofi Martin Schindler hatte die Dortmunder Westfalenhalle jedoch stets die gegenteilige Wirkung. Seit 2022 ist dieser Ort als Austragungsort für die Europameisterschaft der Pfeilwurfschaft auserkoren – und für Schindler, Spitzname „The Wall“, schien diese Halle ihrerseits die Aura einer undurchdringlichen Wand auszustrahlen. Erst ein EM-Match hatte der Brandenburger in Dortmund gewonnen, stets war er früh ausgeschieden. Bis zu diesem langen Oktoberwochenende 2026. Als niemand mehr einen halben Pfeilschaft auf diesen Mann verwettet hätte, kam alles anders.
Denn Schindler, 30, war diesmal durch das Turnier gestürmt, bis ins Endspiel, wo ihm am späten Sonntagabend ein erfahrener Finalist entgegentrat, der sich als zu erfahren erwies. Der Engländer Ross Smith, Darts-Europameister des Jahres 2022, bezwang Schindler 11:8 und verhinderte so den ersten Triumph eines deutschen Profis bei einem der sogenannten Major-Turniere des Darts, in etwa vergleichbar mit einem Grand Slam im Tennis. Schindlers Finaleinzug wird trotzdem als historisch vermerkt bleiben; auch dies war bei einem Major nie einem Deutschen gelungen.
Darts
:Der König von GrazMartin Schindler gewinnt die Austrian Open und damit sein drittes Turnier der European Tour binnen dreier Jahre. In der Weltrangliste steht er so weit vorn wie bisher kein anderer deutscher Dartsspieler.
Mehr Erleichterung als Gram war Schindler im TV-Bild anzusehen, nun da er sich mit schluchzender Stimme ans Publikum in der Westfalenhalle wandte und sich bedankte. „Als ich vor zehn Jahren mit dem professionellen Darts angefangen habe, habe ich nichts erwartet“, sagte Schindler. Mehrmals wischte sich der Strausberger auf der Bühne die Tränen aus den Augen: „Jetzt war ich in einem Endspiel bei einem Major-Turnier. Ich habe alles getan, um es zu gewinnen. Aber ich bin einfach nur glücklich.“
Darts ist eine wilde Angelegenheit, auf den Rängen vor der Bühne geht es ähnlich zu wie im Oktoberfestzelt. Den Verkleidungen und Promillewerten sind keine Grenzen gesetzt – und die Präzisionskünstler auf der Bühne müssen die Kunst der Konzentration beherrschen wie in kaum einer anderen Disziplin. Bei all dem Frivolen, das die stämmigen Männer, die auf Scheiben werfen, ausstrahlen, geht es auch um fragile Sportlerkarrieren. Nicht im klassischen Sinn der Leibesertüchtigung, aber in dieser ganz eigenen und immer beliebteren Kunstform.
Und diese Karriere war bei Schindler zuletzt ins Wanken geraten, „The Wall“ bröckelte. Die Saison 2026 war von Misserfolgen geprägt, innerhalb eines Jahres war er von Weltranglistenplatz 13 um zehn Plätze abgerutscht. Und er wäre erstmals nach sechs Jahren auch aus dem Teilnehmerfeld der EM gepurzelt, hätte er nicht eine Woche zuvor in Maastricht den Tschechen Karel Sedlacek bezwungen. Als Nummer 31 der 32er-Setzliste durfte Schindler in Dortmund antreten – und bezwang der Reihe nach Klassespieler: Zunächst die beiden Niederländer Wessel Nijman (6:5) und Jermaine Wattimena (10:4), ehe er den Waliser Johnny Clayton (10:1) und Krzysztof Ratajski aus Polen (11:6) alt aussehen ließ.
„Wir sind verletzlich, es kann uns mal schlecht gehen“, hatte Schindler im Verlauf des Turniers gesagt. Finalgegner Smith, der seine 8:2-Führung gegen Schindler beinahe noch verspielt hätte, sagte schließlich: „Er ist ein wirklich netter Kerl, aber es ist extrem schwierig, gegen ihn zu spielen. Er ist ein Kämpfer.“