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Oberarme wie Baumstämme und ein Händedruck, der vermuten lässt, dass er eine Dose Spinat aufploppen lassen könnte: Wolfgang Hiller ist eine kräftige Erscheinung. Kein Wunder, denn Hiller betreibt eine Sportart, für die man eine Menge Kraft benötigt: Der 65-Jährige ist amtierender Masters-Weltmeister bei den Highland Games.
„Ich habe schon immer Kraftsport betrieben“, erzählt Hiller. Seit er 18 Jahre alt ist, kennt er Fitnessstudios von innen, mit etwa 20 Jahren beginnt er mit Bodybuilding. In seinem Keller, in dem sich sein privater Fitnessraum befindet, hängt ein großes Poster von Dorian Yates, einem der berühmtesten Bodybuilder der Welt. „Ich hatte einmal die Chance, vier Wochen bei ihm in England zu trainieren. Das hat mich geprägt“, erzählt Hiller.
Hiller kommt aus beruflichen Gründen viel herum. Der gebürtige Niedersachse aus Celle arbeitete beim Ölkonzern Wintershall. Als Produktionsleiter lebt er über 20 Jahre in Libyen. „2009 sind wir wegen des Bürgerkriegs dort raus“, erzählt er. Von Libyen geht es dann erstmals nach Bayern, bei Schwabmünchen betrieb Wintershall eine Raffinerie und vier Ölfelder. Einige Jahre später folgt noch ein Umzug in die Schweiz, ehe die Hillers im Sommer 2026 nach Bayern zurückkehren und sich in Bad Wörishofen niederlassen.
In seiner ersten Zeit in Bayern ziehen Hiller und seine Frau nach Klosterlechfeld und suchen über den Sport Anschluss. Beim „Steinheberverein Lechfeld“ wird Hiller fündig. „Mit Mitte 50 habe ich das Steinheben angefangen“, sagt er. Das war 2013. Vier Jahre später holt er bei der deutschen Meisterschaft drei Titel, wird bei der Steinhebe-EM Vierter und in den folgenden beiden Jahren jeweils WM-Dritter. Halbe Sachen sind eben nichts für Wolfgang Hiller. Als er bei einem Steinhebe-Wettkampf 2015 zufällig einen Flyer sieht, der für die Highland Games wirbt, ist für den Niedersachsen klar: Das will er ausprobieren.
Ein paar Wochen und mehrere Probetrainings später nimmt Hiller erstmals bei einem Wettbewerb in Schliersee teil – mit achtbarem Erfolg. Das weckt seinen Ehrgeiz. Ein Jahr später gewinnt seine Mannschaft den Wettbewerb. Mit seinem Steinheber-Kollegen Franz Ritzer gründet Hiller daraufhin im Jahr 2017 die 1. Bayerische Highland Game Vereinigung. „Wir wollten dafür sorgen, dass der Sport in der Szene bekannter wird und wir bei Wettbewerben als Verein immer genügend Leute haben“, erklärt Hiller. Auch seine Frau Diana ist mit dabei. Trainiert wird auf einem Trainingsgelände in Klosterlechfeld. „Dort haben wir unsere Stämme und Steine liegen“, sagt Hiller.
Doch was hat es nun mit den Highland Games auf sich? Dabei handelt es sich um sportliche Wettkämpfe, die ihren Ursprung tief in der Geschichte Schottlands haben. Damals wurden die stärksten und schnellsten Männer gesucht, die dann in den Dienst des jeweiligen Königs gestellt wurden. Bei den Highland Games der Neuzeit werden diese Aufgaben nachgestellt: etwa einen Baumstamm werfen, einen Stein schleudern oder eine Eisenkugel so hoch wie möglich zu werfen. Und das alles im traditionellen Schottenrock: „Es herrscht Kilt-Pflicht“, sagt Hiller. „Es fühlt sich gut an, wenn man den anhat.“
Neben der sportlichen Herausforderung ist es das Drumherum, das Hiller und seine Frau fasziniert. „Der Sport kommt beim Publikum sehr gut an“, sagt er. In die Arena Kaltenberg, wo sonst die berühmten Ritterspiele stattfinden, kommen mehrere Tausend Besucher zu den Wettkämpfen. Häufig ist auch ein Rahmenprogramm geboten, Dudelsackmusik und das eine oder andere Glas Guinness inklusive. Noch größer werden die Events, je westlicher man geht: „Im Westen Deutschlands, in Belgien oder Holland, sind die Highland Games weit verbreitet“, so Hiller.
Lernen könne man die Disziplinen schnell. „Es reichen zwei oder drei Trainings“, sagt der 65-Jährige. Seinen Körper sollte man allerdings schon kennen. „Wenn man sich bewegen kann, ist der Einstieg in den Teamwettbewerb leicht.“ Dazu zählen dann unter anderem Axtwerfen, Baumstammlauf oder Tauziehen. „Der Sport macht einfach unheimlich Spaß“, schwärmt Hiller, dessen Wettkampfjahr 2026 ganz besonders war.
In der Schweiz wird er Vize-Europameister und reist als solcher als zu den Masters-Weltmeisterschaften ins niederländische Driewegen. Dort holt er drei WM-Titel in Disziplinen, deren Namen eine Erklärung benötigen: So bedeutet „Weight for Distance“, dass man ein Gewicht an einer Kette einhändig weit werfen muss. Hiller gewinnt hier die „leichte“ Variante mit einem 9,5 Kilogramm schweren Stein ebenso wie die „schwere“ Disziplin mit einem 16-Kilo-Gewicht. Hinzu kommt noch der Sieg beim „Tossing the caber“, also dem berühmten Baumstamm-Werfen. „Am besten ist es, wenn sich der Stamm einmal überschlägt und auf zwölf Uhr liegenbleibt“, sagt Hiller.
Die Silbermedaillen bei der Weltmeisterschaft holt er im Steinstoßen mit einem 7,25 Kilogramm schweren Stein und einem 10 Kilogramm schweren Stein sowie in der Disziplin „Weight over bar“, also ein Gewicht mit 16 Kilogramm über eine möglichst hohe Hürde zu werfen. Bronze holt Hiller dann im Hammerwurf mit dem „leichten“ Hammer. Seinen „goldenen September“ rundet der Sportler mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft in Oberhausen ab. „Dieses Jahr war ein Knaller“, sagt er. Und im nächsten Jahr will er daran anknüpfen. „Dann findet im Juni die WM in Kanada statt, da müssen wir dabei sein“, sagt Wolfgang Hiller. „Ich bin ein Kraftsportler, der sich Ziele setzt. Das Motto ‚Dabei sein ist alles‘ ist nicht mein Anreiz. Wenn ich bei einem Wettkampf antrete, will ich auch gewinnen.“