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Ein harmloser Witz über sich selbst, eine künstlich aufgebauschte Empörung und eine ganze Liga, die vor einem autoritären Regime buckelt: Die Causa China vs. Kylian Mbappe ist ein Lehrstück über unsere Empörungskultur - und sollte auch dem FC Bayern München eine Warnung sein. Ein Kommentar.
Um das ganze Ausmaß an Irrsinn in der Causa China vs. Kylian Mbappe zu begreifen, schauen wir uns noch einmal den Auslöser dieser jüngsten total eskalierten Empörungsspirale an. Mbappe hat vor Beginn einer Podcast-Aufnahme in der Maske ein paar der üblichen Social-Media-Fragen beantwortet. Darunter: Über welches Meme mit deinem Gesicht hast du am meisten gelacht?
Dazu muss man eigentlich nur wissen, dass Mbappe nicht nur ein großartiger Stürmer, sondern auch ein wandelndes Meme ist. Seit Beginn seiner Karriere bei der AS Monaco macht sich die Internet-Welt über sein Aussehen und bestimmte Verhaltensweisen lustig.
Mbappes Kopf wurde auf Ninja-Turtle-Figuren gesetzt, weil er angeblich Donatello von Teenage Mutant Ninja Turtles ähnle. Sein Jubel mit verschränkten Armen wird verschickt, wenn man die banalsten Sachen (Müll rausgebracht - Mbappe Arm Cross!) erfolgreich erledigt hat. Es gibt Memes mit Mbappes angeblich dreckiger Lache und welche, die einen vermeintlichen Todesblick von ihm zeigen.
Und dann gibt es eben die Mbappe-Diktator-Memes.
Diese beziehen sich darauf, dass er auf dem Platz bisweilen etwas zu autoritär auftrete und seine Kameraden zu sehr herumkommandiere. Mbappe ist mit den Memes aufgewachsen, er kennt sie und er hat schon oft öffentlich auch selbst über sie gelacht.
Als er also - übrigens schon im März 2026 - gefragt wurde, über welches Meme mit seinem Gesicht er am meisten lache, antwortete er (lachend!): "Da gibt es viele. Worüber ich am meisten gelacht habe ist dieses Video, bei dem mein Gesicht auf den Körper von ich glaube einem chinesischen Diktator montiert wurde. Das benutze ich oft mit meinen Freunden, wenn wir Playstation spielen."
Mbappe und die spanische La Liga wurden also vom chinesischen Regime nicht etwa gecancelt, weil Mbappe einen chinesischen Diktator vor einem halben Jahr Diktator genannt hat. Was ja schon schlimm genug gewesen wäre. Mbappe hat eine mittlere diplomatische Krise ausgelöst, weil er über sich selbst gelacht hat. Das macht diese ganze Sache nur noch trauriger und entlarvender.
Wenn sich Mbappe und Real Madrid nun beim chinesischen Volk entschuldigen für "unüberlegte Äußerungen" des Superstars, dann fragt nicht nur der gesunde Menschenverstand: Wofür denn, bitte? Und dem spanischen Ligapräsidenten Javier Tebas, der Mbappe öffentlich gerügt hat und bei den chinesischen Werbepartnern zu Kreuze gekrochen ist, wünscht man nicht zum ersten Mal mehr Hirn und ein Rückgrat.
Die Causa Mbappe verrät weniger über den Umgang autoritärer Regime mit Ironie und vermeintlicher Kritik, als man zunächst meinen könnte: Chinas Reaktion auf Mbappes Äußerungen mag selbst für chinesische Verhältnisse komplett überzogen sein. Wer davon allerdings wirklich überrascht war, der glaubt vermutlich auch, dass die chinesische Internetzensur dem Jugendschutz dient.
Die Causa Mbappe ist vielmehr ein Lehrstück über die um sich greifende Empörungskultur, in der es längst nicht mehr darauf ankommt, worüber wir uns heute eigentlich empört haben. Hauptsache jemand muss sich erklären, Hauptsache jemand muss sich entschuldigen, Hauptsache wir haben uns empört.
Und während Mbappe in diesem Fall Werbedeals in Höhe von 6,5 Millionen Euro verloren hat und der spanischen Liga bis zu 400 Millionen Euro durch die Lappen zu gehen drohen, wird dem chinesischen Volk von der Führung vermittelt (natürlich ohne weiteren Kontext, denn Witze, auch vermeintliche, über den großen Führer Mao Zedong sind ja tabu), es sei kollektiv schwer beleidigt worden. Von einem Fußballer, der in Wahrheit nur über einen bösen Witz auf seine eigenen Kosten gelacht hat.
Dass Mbappe sich dafür entschuldigen muss, ist grotesk. Dass Real und vor allem Tebas dabei mitmachen, ist beschämend. Statt darüber nachzudenken, was diese Empörung eigentlich ausgelöst hat und wie man das eskalierende Gegenüber vielleicht wieder beruhigen kann, wird vor einem autoritären Regime gebuckelt.
Aber so ist das wohl, wenn man sich immerzu mit den Falschen ins Bett legt. Wer mit autoritären Regimen Geschäfte macht, zahlt dafür einen Preis. Das ist in der Politik nicht anders als im Fußball.
Das sollte auch Klubs wie dem FC Bayern München eine Warnung sein. Der deutsche Rekordmeister mag seine Partnerschaft mit Katar und später auch das Sponsoring für Ruanda nach Protesten der Fans auslaufen lassen. Allerdings machten die Verantwortlichen dabei nicht den Eindruck, wirklich verstanden zu haben, wieso es eigentlich Protest gegeben hatte.
Wer bereitwillig Geld aus solchen Partnerschaften annimmt, muss wissen, dass es irgendwann nicht mehr nur um Sponsoring gehen wird. Sondern darum, welche Bilder veröffentlicht und welche Aussagen nicht getätigt werden dürfen.
Der Begriff Cancel Culture wird hierzulande gerne von den geistigen Tieffliegern vor allem von rechts bemüht, wenn ihren unterkomplexen Ergüssen mal wieder widersprochen wird. Hier lässt sich allerdings beobachten, was Cancel Culture tatsächlich bedeuten kann: Real Madrid und La Liga lassen ihren wichtigsten Spieler im Stich und beugen sich dem Druck eines autoritären Regimes.
Und das nicht zum ersten Mal: Real hat etwa bereits im August 2026 einen Beitrag in den sozialen Medien, in dem um die Opfer der verheerenden Flut in Nepal und Tibet getrauert wurde, ohne weitere Erklärung gelöscht. Nochmal: Ein Beitrag, in dem nach einer Naturkatastrophe auf das Leid von Menschen aufmerksam gemacht wurde.
Doch selbst da entdeckte die chinesische Führung offenbar eine politische Stellungnahme - China erkennt Tibet nicht an, die ganze Region wird vom Regime so gut es geht gecancelt. Wer sich aber als Klub so verhält wie Real Madrid, und Real ist da kein Einzelfall, wird vom Geschäftspartner zum Steigbügelhalter seiner Propaganda.