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Stuttgart · Am Freitagmorgen gab es noch eine Hiobsbotschaft für Gladbach-Trainer Alexander Blessin, am Abend bejubelte der Trainer dann den ersten Sieg von Borussia Mönchengladbach in dieser Saison. Ein 3:2 beim VfB Stuttgart hatte Gladbach in diesem Zustand kaum jemand zugetraut.
Der Freitag begann für Alexander Blessin, den Trainer von Borussia Mönchengladbach, mit einer Hiobstschaft, einer erneuten. Sein Abwehrchef Kevin Diks war am Telefon und meldete sich aus privaten Gründen für das abendliche Spiel beim Champions-League-Teilnehmer VfB Stuttgart ab. Damit wurde die Zahl der fehlenden Profis zweistellig, zehn Akteure fehlten.
Für ein Team, das nach sechs Spielen noch ohne Punkt ist, eine große Hypothek. Doch Blessin weigerte sich zu klagen. „Wir suchen nach Lösungen“, sagte Sportchef Rouven Schröder. Er spielt in diesen schwierigen Zeiten gern den Blitzableiter.
„Ich nehme die Kritik komplett an und sage, dass ich dafür hauptverantwortlich bin. Die Jungs brauchen einen freien Kopf und müssen sich auf den Fußball konzentrieren. Keiner rechnet mit uns, das ist die Chance", sagte er. Und gab das Motto vor: „Vollgas!“
Beim überraschenden 3:1-Sieg kamen die Spieler der Ansage Schröders nach. Zunächst war davon jedoch nichts zu sehen. Die Borussen spielten wie schon beim 1:2 gegen die TSG Hoffenheim zu passiv, der VfB hatte vom ersten Moment an alles unter Kontrolle. Auch, weil die Borussen kaum einmal Phasen am Ball hatten. 9,1 Sekunden dauerte es in der Startphase im Schnitt, bis der VfB nach dem Verlust des Balles das Spielgerät zurückeroberte. Der Bundesligadurchschnitt in dieser Kategorie: 15 Sekunden.
Dazu kam ein Katastrophenstart: Ermedim Demirovic zog aus 22 Metern unbedrängt ab und Torwart Moritz Nicolas lenkte den Ball ins eigene Tor, statt den Einschlag zu verhindern. Fünf Minuten waren gespielt, es war der erste echte Stuttgarter Torschuss. Längst ist die Verunsicherung im Team auch bei der Nummer eins angekommen.
Die mit Daiki Hashioka, Philipp Sander, der Diks auch als Kapitän vertrat, und Fabio Chiarodia gezwungenermaßen neu formierte Dreierkette wackelte. In den von Schröder erhofften „Vollgas“-Modus kamen die Borussen kaum einmal.
Ein Kopfball von Shuto Machino, der anstelle des angeschlagenen Isac Lidberg Sturmspitze war, und ein Fernschuss von Hugo Bolin, der noch der angegierteste Offensive war, waren zunächst die einzigen, indes kaum gefährlichen Aktionen in Richtung VfB-Tor.
Chiarodia prüfte nach 38 Minuten nach einem Bolin-Freistoß erstmals VfB-Keeper Dennis Seimen. Dann stand es plötzlich 1:1. Wael Mohya dribbelte sich auf links durch, Lukas Ullrich flankte, der Ball wurde zunächst abgewehrt, doch Zento Uno schoss und Joe Scally, schon zum dritten Mal Torschütze in dieser Saison, traf mit der Hacke.
Blessin hatte vorab die Hoffnung geäußert, die gern kritischen Fans des VfB ein wenig gegen das eigene Team aufzubringen, indem man es dem VfB schwer macht.
Nun galt es, aus dieser schönen Erfahrung mal eine gute Geschichte zu machen. In Köln und gegen Hoffenheim zogen die Borussen aus dem 1:1-Ausgleich jeweils keine Energie. Nun war die Körpersprache nach dem Tor durchaus eine andere. Plötzlich war Gladbach das bessere Team.
Und hatte in der Nachspielzeit zwei Großchancen. Zunächst wehrte Seimen einen Schuss von Florian Neuhaus im Flug ab, dann schoss der agile Mohya den Ball Sekunden vor der Pause an die Latte. Das veränderte Geschehen gab auch Blessin neue Energie. Zunächst schaute der Trainer oft deprimiert zu Boden, nach dem Ausgleich war auch an der Außenlinie mehr Leben drin.
Fast kam der Pausenpfiff den Borussen sehr ungelegen. „Mutiger und mutiger“ fand Sky-Experte Shkodran Mustafi, der vorab einen 2:1-Sieg der Borussen getippt hatte, Gladbachs Darbietung in der Schlussphase des ersten Durchgangs.
In der x-Goals-Wertung und bei realen Torschüssen lagen die Gladbacher nach 45 Minuten plus Nachspielzeit klar vorn. „Man hat das Gefühl sie wollen gewinnen“, ließ Ex-Borusse Winfried Schäfer während der Halbzeitpause per WhatsApp wissen.
Die Szene, die sich in der 51. Minute ereignete, belegte die These. Mohya setzte sich gegen Leo Sauer und Lorenz Assignon durch, legte zurück auf Machino, der den Ball mit links unter das Tordach knallte. 2:1 für Gladbach. Nach 20 Minuten schien Derartiges utopisch, nun war es Realität. Würde Gladbach ausgerechet beim klaren Favoriten Stuttgart in der Saison ankommen? Und das ausgerechnet in Blessins Heimatstadt?
Der VfB wankte merklich, spielerisch ging wenig beim Heimteam. Borussia war tief drin in den Köpfen der Schwaben. Und der Ball zum dritten Mal drin in ihrem Tor. Seimen wehrte Mohyas Schuss ab, Scally flankte und Mohya, spätestens jetzt Mann des Spiels, nickte ein zum 3:1.
Mohya und Scally, die beiden Matchwinner, mussten danach raus, doch die Gladbacher Not-Elf, bei der Yukhym Konoplia sein Debüt feierte, brachte den ersten Sieg der Saison trotz des Anschlusstreffers von Demirovic über die Zeit. Dass Borussia in diesem Zustand in Stuttgart jubeln würde, hatte vorab Experte Mustafi wohl recht exklusiv erwartet. „Es fällt einiges ab. Die Jungs haben sich heute maximal belohnt. Wir haben nicht unverdient gewonnen. Es kann aber nur ein Start sein“, frühlockte Sportchef Rouven Schröder.