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Eine schlechte Nachricht folgt der nächsten: Nach dem Remis gegen den BVB gibt es neue Sorgen beim FC Bayern. Und nun steht das Team auch noch in der Champions League bei Atlético Madrid unter Druck.
Es gibt diesen Moment, da scheint sich das frühere Glück zu verflüchtigen. Manchmal kommt es wieder zurück, aber vielleicht ist das dann so spät, dass große Ziele bereits in Gefahr sind. Beim FC Bayern läuft das, was in der vergangenen Saison gut war, ja fast perfekt, jetzt schief.
Nicht alles, aber vieles, und nur wenig davon hatten die Mannschaft, die Spieler, der Trainer selbst in der Hand. Ein paar Gegentore, ja, aber die gehören dazu wie auch vergebene Chancen. Beim Rekordmeister geht es in diesen Tagen um mehr als um Fußball. Es fühle sich, gibt Sportvorstand Max Eberl zu, „momentan ein bisschen heftig an. Es ist sehr viel, was wir gerade zu verarbeiten haben.“
Und damit meint er nicht, dass die Bayern beim 2:2 im Bundesliga-Duell mit Borussia Dortmund die Chance vertan haben, sich erstmals in dieser Saison etwas abzusetzen an der Tabellenspitze. Vor einem Jahr hatte der Rekordmeister nach acht Spieltagen bereits fünf Punkte Vorsprung. Jetzt ist er – wie der BVB – zwar noch ungeschlagen, aber die Konkurrenten sind näher gerückt. Die punktgleichen Dortmunder wirken stabiler, und die Münchner dagegen nicht mehr ganz so stabil.
Eine Erklärung sind die Rück- und Tiefschläge, die der FC Bayern in dieser Saison und vor allem in diesen Tagen erlebt. Zu den aktuellen gesundheitlichen Problemen von Trainer Vincent Kompany und jenen zu Saisonbeginn von Jamal Musiala, einem persönlichen Schicksalsschlag für Joshua Kimmich und ein paar Ausfällen kamen am Samstag noch weitere Verletzungssorgen hinzu.
Ismael Saibari verließ nach einem Zusammenstoß mit Dortmunds Torwart Gregor Kobel auf Krücken die Münchner Arena. Am Sonntag teilte der FC Bayern mit, dass sich der Marokkaner einen Riss der Syndesmose im rechten Sprunggelenk zuzog und bereits operiert wurde. Kurz nach der Auswechslung von Saibari in der ersten Hälfte musste auch Serge Gnabry raus. Eine Muskelverletzung im hinteren linken Oberschenkel, lautete die Diagnose. Wie lange die beiden ausfallen, hat der Verein nicht mitgeteilt, aber sicher mehrere Wochen.
Weil kurz vor Schluss auch noch Michael Olise angeschlagen auf dem Rasen saß und später die Arena leicht humpelnd verließ, stellt sich die Frage, mit welchem Sturm die Münchner am Dienstag in der Champions League gegen Atlético Madrid überhaupt antreten wollen oder können.
Vom 100-Tore-Sturm der vergangenen Saison stand am Samstag am Ende jedenfalls nur noch Ballon-d’Or-Gewinner Harry Kane auf dem Platz. Ausnahmsweise war auch kein Angreifer unter den Torschützen. Die beiden Treffer erzielten die Verteidiger Konrad Laimer und Dayot Upamecano. Kane setzte den Ball bei einem Handelfmeter nicht nur an die Querlatte, sondern vergab zwei weitere sehr gute Chancen. „Es war nicht mein bester Tag“, gab er zu. Für Dortmund trafen dagegen in Serhou Guirassy und Fabio Silva zwei Stürmer.
Bei Olise hoffen die Bayern noch, „dass es nicht so schlimm ist“ (Eberl). Und weil im medizinischen Bulletin am Sonntag nur Saibari und Gnabry auftauchen, aber Olise nicht erwähnt wurde, scheint der Franzose keine schwerere Blessur zu haben.
Aaron Danks, der Vertreter seines nach einer Hirnhautreizung noch rekonvaleszierenden Chefs Kompany, versuchte ohnehin Optimismus zu verbreiten. „Wir haben schon Tiefe in unserem Kader“, findet er. Die ist mittlerweile jedenfalls in der Offensive aber doch eher seicht. Falls Olise doch ausfällt, stehen in Kane und Lennart Karl nur noch zwei Angreifer zur Verfügung. Auf links und auf der Zehnerposition müssen zwei Verteidiger aushelfen.
Immerhin scheint Alphonso Davies die Rolle als Außenstürmer zu gefallen. Er interpretiert sie mit Eifer und Effektivität. Nathaniel Brown spielt solide im Zentrum, aber hinten links ist er besser aufgehoben. Auf rechts steht als möglicher Olise-Ersatz in Karl immerhin ein ausgebildeter Angreifer bereit.
Der Senkrechtstarter des vergangenen Sommers war nach seiner Verletzung zuletzt auf Formsuche und deshalb ins Visier von Ehrenpräsident Uli Hoeneß, aber auch von Sportvorstand Eberl geraten. Die Kritik an ihm, fand wiederum Karls Berater Michael Ballack, sei zu hinterfragen. Allerdings tat dies der frühere Nationalspieler als Experte bei DAZN, und auch diese Doppelrolle darf hinterfragt werden.
Immerhin zeigte Karl zuletzt leicht aufsteigende Form. Am Samstag hatte er Sekunden vor dem Abpfiff noch die Chance auf den Siegtreffer, der Ball landete aber an der Querlatte statt im Tor. Es war der insgesamt vierte Aluminiumtreffer der Münchner gegen Dortmund, inklusive des von Kane vergebenen Elfmeters.
In Madrid erwartet die Bayern eine noch intensivere Partie, als es die am Samstag gewesen ist. Die Mannschaft von Trainer Diego Simeone ist nicht bekannt dafür, mit spielerischer Finesse aufzutrumpfen, sie triezt die Gegner vielmehr. Mit aggressiven Zweikämpfen, Grätschen und robusten Tacklings.
Dazu kommt, dass die Bayern nach zwei Unentschieden in den ersten drei Partien der Königsklasse von ihrem Ziel, sich unter den ersten Acht der Vorrunde zu platzieren, um im Februar eine zusätzliche K.-o.-Runde zu vermeiden, ein Stück entfernt sind und deshalb in Spanien schon etwas unter Druck stehen. „Wir müssen gerade sehr resilient sein“, sagt Eberl. Auf allen Gebieten. Kane sprach von einem „wirklich schwierigen mentalen Faktor“, mit dem die Mannschaft bisher aber „sehr, sehr gut umgegangen“ ist.
So eine schwierige Phase kann eine Mannschaft zusammenschweißen. In der vergangenen Saison hatten die Münchner immer wieder betont, wie gut der Teamgeist, das Miteinander, sei. Diese gewachsene Harmonie mag der Mannschaft jetzt helfen. „Bayern München hat in den letzten Wochen gezeigt: Wenn man zusammenrückt, kann man einiges bewegen“, sagte Eberl.
Die Hoffnungen ruhen also darauf, dass ein funktionierendes Kollektiv die Herausforderungen in diesem Herbst meistert, so gut jedenfalls, dass die Bayern in allen drei Wettbewerben alle Optionen behalten, um dann, wenn die schwierigen Tage überwunden sind, stark zurückzukommen, vielleicht noch stärker, als sie in der vergangenen Saison gewesen waren. „Wenn ich so in der Kabine sitze, habe ich das Gefühl, wir sind ein sehr, sehr gutes Team“, sagte Kimmich. „Und deswegen werden wir auch in zwei Tagen oder in drei Tagen wieder alles reinhauen.“
Er war nach dem Tod seines Vaters Mitte der Woche nach München zurückgekehrt, weil es für ihn wichtig gewesen sei, „in den normalen Alltag zu kommen, auch wenn man sich manchmal wünscht, dass die Welt ein bisschen stehen bleibt“. Die Welt dreht sich aber weiter. Für ihn, für die Bayern schon am Dienstag in Madrid.