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Stasi, DDR und AfD: Hansa-Legende Gerd Kische wird 75 und spricht Klartext
Gerd Kische feierte große Erfolge als DDR-Fußballer, 1976 wurde er Olympiasieger. (Foto: IMAGO/Andy Bünning)

Herr Kische, Sie wirken ungewöhnlich sanftmütig. Was ist mit Ihnen los?

Die Ruhe hier inmitten der Natur macht mich zu einem anderen Menschen.

Vom Herzen her sind Sie aber schon noch der Typ, den Günter Netzer einst als Revoluzzer des DDR-Fußballs bezeichnete, weil Sie stets Haltung zeigten, unverblümt Ihre Meinung sagten, wenn Ihnen etwas nicht passte?

Ich werde immer ein Geradeaus-Mensch bleiben. Denn nur so lernt man auch seine wenigen wahren Freunde kennen. Ich möchte jeden Tag aufrichtig in den Spiegel gucken können. Wenn mir etwas missfällt, muss ich es auch deutlich sagen, so bin ich erzogen worden

Als Galionsfigur des Fußballs in Mecklenburg-Vorpommern brachten Sie mit Ihrer Direktheit viele Mitmenschen gegen sich auf – und das offenbar bis heute. Unlängst wurde Ihnen die Ehrenbürgerschaft in Ihrer Geburtsstadt Teterow verweigert. Wie empfanden Sie diese Schmach?

Mit Reinhard Lauck, Gerd Weber und Reinhard Häfner (von links) wurde Gerd Kische 1976 Olympiasieger. (Foto: imago images/Sven Simon)

Es war eine rein politische Entscheidung, weil der Antrag von der AfD in die Stadtvertretung eingebracht wurde, wovon ich nichts wusste, und woraufhin die CDU- und SPD-Vertreter dagegen stimmten. Wobei mir auch angelastet wurde, dass ich meine Ex-Frau vor 45 Jahren geschlagen habe. Ob ich Ehrenbürger bin oder nicht, ich liebe meine Heimatstadt auch so. Und viele Menschen dort mögen mich sehr.

Wie kam es zu der verhängnisvollen Tätlichkeit?

Was ich im Januar 1981 tat, bedaure ich zutiefst, es war ein Moment, in dem ich nicht ich war. Wir wollten uns damals trennen, woraufhin ich sie bat, die Scheidung erst nach der Länderspieltournee durch Südamerika einzureichen, weil ich sonst nicht hätte mitfliegen dürfen. Meine Bitte ignorierte sie, sodass ich aus dem Kader flog. Zwei Tage später bekam ich völlig überraschend doch die Reiseerlaubnis. Als ich meine Frau dann traf, sagte ich ihr: „Hä, du hast dein Ziel nicht erreicht. Die glauben mir doch mehr als dir. Jetzt bin ich erst mal drei Wochen weg.“

Wie reagierte Sie?

Blau und weiß waren die Farben der DDR bei der Fußball-WM 1974: Die WM zählt Gerd Kische zu seinen Höhepunkten. (Foto: Thomas Koch)

Sie entgegnete: „Ich wusste schon immer, dass du ein Stasischwein bist.“ Daraufhin passierte das Unentschuldbare, mir entgleiste meine Hand. Danach lief die Bestrafungsmaschinerie heiß: Die Partei, der Klub – alle schossen sich auf mich ein. Schon zwei Stunden später war ich kein Reisekader mehr, wurde ich zur Persona non grata erklärt. Bis zu dieser Affekthandlung besaß ich Narrenfreiheit. Selbst wenn ich betrunken Auto fuhr, passierte mir nichts. Für meinen Wutausbruch wurde ich gnadenlos bestraft – und das zu Recht.

Sie spielten trotzdem die Saison zu Ende, wie war das möglich?

Es wurde versucht, das Thema lautlos abzuarbeiten. Was dazu führte, dass die Stasi, die mich in ihren Akten als „IM Neeskens“ geführt hatte, obwohl ich nie eine Verpflichtung unterschrieben hatte, erneut auf mich zukam und mir versprach, wenn ich jetzt unterschreibe, klären sie den Rest in meinem Sinne. Wieder habe ich Nein gesagt, womit meine Leistungssportkarriere beendet war, ich zur Armee musste und danach unter Beobachtung im Büro eines Wohnungsbaukombinats beschäftigt wurde. Was ich durchgemacht habe, wünsche ich nicht einmal meinem ärgsten Feind.

Kam Ihnen da nicht der Gedanke, die DDR zu verlassen? Die Bundesliga hätte Sie mit Kusshand genommen. Sie waren so schnell wie kein anderer Spieler, liefen 100 Meter in 10,7 Sekunden.

Das hätte ich meinen Eltern und sechs Geschwistern niemals antun können, dann hätte ich sie ins Unglück gerissen.

So wie Sie es mit vielen Fans von Hansa Rostock taten, als Sie 1991 nach Ihrer Rückkehr als Präsident Erfolgstrainer Uwe Reinders, der mit dem Verein letzter DDR-Meister und -Pokalsieger wurde und die Qualifikation für die Bundesliga schaffte, im Frühjahr 1992 entließen.

Gerd Kische (links, im Duell mit Franz Beckenbauer beim WM-Spiel 1974 gegen die BRD) spielte 63 Mal für die DDR. (Foto: Werner Baum)

Was Reinders mit seiner Schnoddrigkeit anfangs erreicht hat, war schon toll. Danach aber kümmerte er sich mehr um seine Vermarktung als um die Mannschaft, die er nur noch zweimal wöchentlich trainiert hat. Das konnte ich nicht gutheißen. Ich wusste, dass er große finanzielle Probleme hatte und wollte alles im Guten klären. Doch als er sich dann noch mit unserem Masseur geprügelt hat, war das Maß voll. Und noch etwas kam hinzu.

Und zwar?

Als langjähriger Profi von Werder Bremen hatte er seine Hände mit im Spiel bei dem Werbe- und Kooperationsvertrag, den mein Vorgänger mit Bremen geschlossen hatte, wodurch Hansa quasi an die Bremer verraten und verkauft wurde. Der Knebelvertrag sah unter anderem vor, dass wir unsere jungen Spieler erst an Werder abzugeben haben. Den Vertrag habe ich zerrissen und Manager Willi Lemke zurückgeschickt. Die Fans haben das damals alles nicht verstanden.

Und schickten Ihnen Morddrohungen.

Das ging unter die Haut. Menschen, die durch ihre Gewaltbereitschaft keine Grenzen kennen, wird es leider immer wieder geben.

Beim FC Hansa gibt es davon einige. Sie überfallen Züge mit Fans der Gästemannschaft, zerstören Bahnhöfe, Tankstellen, Sanitäranlagen, demolieren Fanblocks. Können Sie sich mit dem Verein noch identifizieren?

Diese Randale sind grauenvoll für die gesamte Region, für unser Bundesland, das Urlauber anziehen soll. Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, geht es zumeist um die Skandale. Viele Eltern gehen deswegen mit ihren Kindern nicht mehr zu den Spielen. Für das, was manche sogenannte Fans anrichten, schäme ich mich abgrundtief. Die Staatsorgane, beginnend beim Innenminister, sind mehr denn je gefragt. Dennoch bleibt der Hansa mein Verein auf Lebenszeit, denn ich verdanke ihm sehr viel. Ohne seine großzügige Unterstützung hätte ich niemals die großartigen Jubiläumstreffen der ‘74er-WM- und ‘76er-Olympiasieger-Mannschaft ausrichten können.

Reizt es Sie nicht, noch einmal aktiv bei einem skandalfreien Verein mitzuwirken?

Am Anfang seiner Karriere spielte Gerd Kische für die BSG Post Neubrandenburg. (Foto: Peter Sengpiehl/Archiv)

Nein, ich hatte meine Zeit. Jetzt sind andere gefordert, denen ich von Herzen wünsche, dass sie geeignete Lösungen finden, auch um endlich wieder in der Bundesliga spielen zu können.

So wie in Ihrer Ära als Präsident. Was war rückblickend Ihr sportlicher Höhepunkt?

Das eine Tor, das ich als Nationalspieler erzielt habe. (lacht)

Es war ein Eigentor, das erste in der DDR-Länderspielgeschichte überhaupt. In Ihrem 50. Länderspiel am 15. November 1978 in Rotterdam leiteten Sie in der 17. Minute die 0:3-Niederlage gegen die Niederlande ein.

Stimmt. Spaß beiseite, meine Highlights waren natürlich die Sommerspiele 1976 und die WM 1974, insbesondere das Spiel gegen die BRD. Mit Günter Netzer, den ich als Spieler bewunderte, pflege ich bis heute ein enges freundschaftliches Verhältnis.

Damals besiegten Sie die DFB-Elf, die dennoch den Titel gewann. Bei den letzten drei WM-Championaten blamierte sich die deutsche Mannschaft, schied immer frühzeitig aus. Unter Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp soll alles besser werden. Glauben Sie daran?

Nicht wirklich. Den verwöhnten jungen Profis geht es in ihrer Blase viel zu gut. Wenn sich in deren Köpfen nichts ändert, kann auch der beste Trainer nichts ausrichten. Was mir aber viel mehr Sorgen macht, ist die Entwicklung in unserem Land.

Vor zwei Jahren waren Gerd Kische (rechts) und Jürgen Croy (links) beim Legenden-Talk der Nordkurier-Mediengruppe zu Gast. (Foto: Peter Krüger)

Inwiefern? Nach Thüringen und Sachsen-Anhalt ist die AfD auch aus den Landtagswahlen in Ihrem Bundesland als stärkste Kraft hervorgegangen.

Das geschah nicht grundlos. Viele Menschen haben genug von der ignoranten Politik der vergangenen Jahre und erst recht von der Brandmauer. Je länger die steht, umso mehr Zulauf bekommt die AfD. Als Sportler kann nur gewinnen, wer sich seinem Gegner stellt und ihn besiegt. Wer die unliebsame Rivalität meidet, verliert nun mal. In der Politik ist das nicht anders, das ist Teil der wahren Demokratie. Und nur, weil jemand die AfD wählt, ist er noch längst kein Rechtsextremer. Es gäbe vieles zu sagen. Immer mehr Menschen wissen nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt finanzieren sollen, unsere Regierung aber sponsert die Ukraine mit Milliarden. Statt nach einer diplomatischen Friedenslösung zu suchen, wird sie selbst immer mehr zum Kriegstreiber. Das macht mir Angst.

Jetzt steht erst einmal Ihr 75. Geburtstag an. Wie wollen Sie ihn feiern?

Ich werde meine Seele in einer Savanne in Namibia baumeln lassen. Die Zeiten, in denen Gerd Kische die Welt aus den Angeln heben wollte, sind vorbei. Mit Ihrer Eingangsfrage hatten Sie nicht unrecht: Ich bin sanftmütiger geworden, man kann auch altersmilde dazu sagen. (lacht)

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