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Paris Saint-Germain setzte sich im Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona mit 4:2 durch und beendete damit die perfekte Saisonbilanz der Katalanen. Ausschlaggebend waren die aggressive Mannorientierung gegen Barcelonas Spielaufbau und die deutlich besseren Lösungen der Franzosen gegen das gegnerische Pressing.
Luis Enrique nahm dafür große Risiken in der eigenen Defensive in Kauf. Barcelona konnte diese zwar gelegentlich ausnutzen, fand aber zu selten die richtigen Laufwege und Passkombinationen. PSG agierte beim Auflösen gegnerischer Zuordnungen wesentlich konsequenter und erspielte sich dadurch zahlreiche hochwertige Chancen.
Barcelona baute seine Angriffe grundsätzlich aus einer 4-2-3-1-Formation auf. Pau Cubarsí und Gerard Martín bildeten die Innenverteidigung, Pedri und Marc Bernal agierten davor als Doppelsechs. Die beiden zentralen Mittelfeldspieler ließen sich regelmäßig zurückfallen, um zusätzliche Passoptionen zu schaffen.
Luis Enrique stellte sich darauf mit einem äußerst aggressiven, mannorientierten Pressing ein. Désiré Doué rückte von seiner rechten Außenposition nach innen, um gemeinsam mit dem Mittelstürmer die beiden Innenverteidiger unter Druck zu setzen. Auf der gegenüberliegenden Seite übernahm Khvicha Kvaratskhelia den rechten Außenverteidiger Xavi Espart.
Damit entstand allerdings eine Besonderheit: Weil Doué seine Position verließ, musste Rechtsverteidiger Achraf Hakimi weit nach vorne schieben, um João Cancelo auf Barcelonas linker Seite aufzunehmen. Im Zentrum orientierten sich Vitinha und Fabián Ruiz an Pedri und Bernal, während João Neves den offensiveren Dani Olmo übernahm. Nach dessen verletzungsbedingter Auswechslung rückte Fermín López in diese Rolle.
Barcelona konnte damit praktisch keinen Spieler im Zentrum frei anspielen. Sobald ein Verteidiger einen Pass nach vorne versuchte, befand sich der Empfänger bereits unter Druck. Das galt auch dann, wenn Hansi Flick seine offensive Staffelung veränderte.
Eine besonders interessante Anpassung der Katalanen betraf Raphinha. Der Brasilianer agierte nominell als Mittelstürmer, ließ sich im Spielaufbau aber häufig ins zentrale Mittelfeld zurückfallen.
Damit wollte Barcelona einen zusätzlichen Spieler zwischen den Linien schaffen. Gemeinsam mit Pedri, Bernal und Olmo bzw. Fermín sollte eine Viererbesetzung entstehen, gegen die PSG mit seinen drei zentralen Mittelfeldspielern eigentlich in Unterzahl gewesen wäre.
Die Idee funktionierte allerdings kaum, weil PSG auch hier konsequent an der Mannorientierung festhielt. Innenverteidiger Willian Pacho rückte mit Raphinha aus der Abwehr heraus und verfolgte ihn teilweise weit ins Mittelfeld. Die erhoffte Überzahlsituation entstand dadurch nicht. Barcelona hatte somit zwar zusätzliche Spieler in tieferen Positionen, gewann aber kaum neue Passmöglichkeiten. Stattdessen verschoben sich lediglich die direkten Gegenspieler der Pariser.
Für Barcelonas Innenverteidiger blieben meist zwei Möglichkeiten: Ein riskantes Zuspiel unter Gegnerdruck oder ein langer Ball über mehrere Linien hinweg. Diese langen Bälle waren durchaus gefährlich, weil PSG mit seinem extrem offensiven Pressing große Räume hinter der letzten Verteidigungslinie öffnete. Die Franzosen vertrauten aber darauf, dass ihre verbliebenen Verteidiger diese Situationen im direkten Duell lösen konnten.
Der Führungstreffer zeigte schließlich, wie kostspielig Fehler gegen diese Pressingstruktur waren. In der 38. Minute versuchte Lamine Yamal, sich mit einem Lupfer aus dem Druck zu befreien. João Neves fing den Ball ab, Désiré Doué übernahm und schloss aus rund 18 Metern zum 1:0 ab. PSG musste dafür keinen längeren Angriff aufbauen. Die gefährliche Abschlussposition entstand unmittelbar aus dem Ballgewinn.
Die aggressive Mannorientierung hatte allerdings einen erheblichen Nachteil.
Wenn Hakimi weit nach vorne schob und Pacho gleichzeitig Raphinha ins Mittelfeld folgte, blieben in der letzten Linie zeitweise nur Lucas Hernández und Marquinhos gegen Lamine Yamal und Anthony Gordon.
Beide Barcelona-Flügelspieler positionierten sich bewusst hoch und breit. Dadurch entstanden zwischen den Verteidigern bzw. hinter den herausrückenden Spielern enorme Räume.
Für Barcelona gab es grundsätzlich drei Möglichkeiten, diese Struktur aufzubrechen:
Die erste bestand darin, durch Positionswechsel die gegnerischen Zuordnungen durcheinanderzubringen. Weil PSG seine Gegenspieler aber äußerst konsequent verfolgte, reichten einfache Rochaden selten aus.
Die zweite Möglichkeit waren individuelle Dribblings. Gelang es einem Barcelona-Spieler, seinen direkten Gegenspieler zu überspielen, war die nächste Linie häufig schon übersprungen. Besonders Pedri konnte solche Situationen mit seiner engen Ballführung und seinen schnellen Richtungswechseln lösen.
Am interessantesten war allerdings die dritte Variante: Kombinationen über den dritten Mann.
Bei einer konsequenten Mannorientierung richtet sich die Aufmerksamkeit der Verteidiger stark auf ihre jeweiligen Gegenspieler. Sobald ein Pass gespielt wird, entsteht allerdings häufig ein kurzer Moment, in dem sich der Blick zum Ball orientiert.
Diesen Augenblick kann der angreifende Spieler nutzen, um sich von seinem Bewacher zu lösen.
Ein typisches Beispiel wäre ein Pass von Cancelo auf einen entgegenkommenden Offensivspieler, der den Ball direkt auf einen nachrückenden Mittelfeldspieler ablegt. Dieser kann anschließend in den Raum hinter dem herausgerückten Verteidiger starten.
Solche Abläufe gelangen Barcelona vereinzelt. Pedri fand nach schnellen Kombinationen mehrfach Möglichkeiten, sich von João Neves zu lösen und mit Blickrichtung zum gegnerischen Tor aufzudrehen. Deutlich seltener nutzten die Katalanen allerdings die Räume hinter den herausrückenden Verteidigern. Wenn Pacho Raphinha bis ins Mittelfeld verfolgte, entstand in der Pariser Abwehr eine Lücke. Diese wurde aber weder von den Flügelspielern noch von nachstoßenden Mittelfeldspielern konsequent genug attackiert.
Dabei gehört genau dieses Verhalten normalerweise zu den Stärken von Flicks Mannschaft. Besonders Fermín López besitzt ein gutes Gespür dafür, aus dem offensiven Mittelfeld in den Rücken der Abwehr zu starten.
Beim zwischenzeitlichen Ausgleich funktionierte ein solcher Mechanismus schließlich.
Vor dem 1:1 in der 55. Minute zog Yamal auf der rechten Seite Aufmerksamkeit auf sich. Gleichzeitig bewegte sich Fermín entgegen, wodurch PSG-Spieler aus ihrer ursprünglichen Position gezogen wurden. Rechtsverteidiger Xavi Espart erkannte den freien Raum und startete nach vorne.
Kvaratskhelia orientierte sich in dieser Situation zu stark am Ball und verlor seinen Gegenspieler aus den Augen. Fermín spielte Espart frei, der zum Ausgleich traf.
Die Szene zeigte die größte Schwäche von PSGs Defensivkonzept: Sobald ein Verteidiger seine Zuordnung verlor, war dahinter häufig keine zusätzliche Absicherung vorhanden.
Auch Barcelona verteidigte in hohen Spielfeldzonen überwiegend mannorientiert. Der Unterschied lag darin, wie beide Mannschaften mit diesen Zuordnungen im eigenen Ballbesitz umgingen.
PSG setzte wesentlich konsequenter auf Positionswechsel, die den Gegner vor konkrete Entscheidungen stellten. Eine wichtige Rolle spielte dabei Hakimi. Der Rechtsverteidiger blieb nicht ausschließlich auf seiner Außenbahn, sondern rückte regelmäßig ins zentrale Mittelfeld ein. Für seinen Gegenspieler Cancelo entstand dadurch ein Problem.
Folgte er Hakimi nach innen, blieb auf der rechten Pariser Angriffsseite viel Platz für Doué. Blieb Cancelo dagegen in seiner ursprünglichen Position, konnte Hakimi als zusätzliche Anspielstation im Zentrum auftreten und PSG beim Überspielen der ersten Pressinglinie helfen.
Beide Varianten eröffneten den Franzosen gefährliche Möglichkeiten. Dazu kam ein zweiter Unterschied: Barcelona verteidigte zwar im hohen Pressing mannorientiert, wechselte bei tieferer Verteidigung aber häufiger in eine raumorientierte beziehungsweise gemischte Organisation. Damit entstand eine andere Schwachstelle, die PSG geschickt ausnutzte.
Die Pariser versuchten wiederholt, auf ihrer linken Angriffsseite mehrere Spieler zusammenzuziehen. Zu Beginn bewegte sich Ousmane Dembélé häufig aus dem Zentrum zu Kvaratskhelia. Dadurch musste Barcelonas Defensive stärker in diese Richtung verschieben. Auf der gegenüberliegenden Seite blieb Doué dagegen möglichst breit.
Das Ziel war es, Barcelona erst auf eine Spielfeldseite zu locken und anschließend mit einer schnellen Spielverlagerung den isolierten Flügelspieler anzuspielen. Für Cancelo waren solche Situationen besonders unangenehm. Rückte er weit nach innen, um den zentralen Raum abzusichern, erhielt Doué außen viel Platz. Sobald der Ball dorthin gelangte, musste Cancelo über eine größere Distanz herausrücken und den Franzosen im direkten Duell verteidigen. Dass Cancelo bereits in der 17. Minute Gelb sah, erschwerte seine Aufgabe zusätzlich.
Nach Dembélés verletzungsbedingter Auswechslung in der 20. Minute blieb die grundlegende Idee bestehen. Nun rückte häufiger Fabián Ruiz in den linken Halbraum und unterstützte die Überladungen. PSG hatte damit eine wichtige zusätzliche Qualität: Die Mannschaft musste ihre Angriffsmuster nicht vollständig verändern, wenn ein einzelner Spieler ausfiel.
Die Überladungen allein hätten noch keine gefährlichen Chancen erzeugt. PSG sorgte aber wesentlich häufiger als Barcelona dafür, dass die durch Positionswechsel geöffneten Räume auch tatsächlich attackiert wurden.
Wenn ein Verteidiger herausgezogen wurde, startete ein anderer Pariser Spieler in die entstandene Lücke. Wenn Barcelona auf eine Seite verschob, blieb auf der anderen Seite eine geeignete Anspielstation positioniert.
Vor allem Doué profitierte davon. Der Franzose erhielt wiederholt den Ball in Situationen, in denen sein Gegenspieler zunächst Distanz überbrücken musste. Mit seinem engen Dribbling, schnellen Richtungswechseln und seiner Fähigkeit, aus unterschiedlichen „Körperpositionen“ abzuschließen, konnte er diese Vorteile nutzen.
Auch Hakimi wurde im Verlauf der Partie immer wichtiger. Seine Läufe zwischen Außenbahn und Zentrum erschwerten Barcelonas Zuordnungen, während er gleichzeitig selbst immer wieder in gefährliche Abschluss- und Vorbereitungspositionen gelangte. Das zeigte sich besonders beim vierten Pariser Treffer: Hakimi setzte sich auf der rechten Seite durch und brachte den Ball in den Strafraum, wo Fabián Ruiz am zweiten Pfosten zum 4:2 einschob.
Beim 3:2 unmittelbar davor hatte ebenfalls eine Hereingabe von Hakimi die entscheidende Situation eingeleitet. Barcelona klärte nicht ausreichend, Vitinha verwertete den zweiten Ball von der Strafraumgrenze.
Nicht alle Tore entstanden direkt aus dem beschriebenen Positionsspiel. Lucas Hernández traf beim zwischenzeitlichen 2:1 nach einem Eckball und beim 3:2 spielte die mangelhafte Klärung einer Hereingabe eine wesentliche Rolle. Die wiederkehrenden Raumprobleme der Katalanen bildeten aber die Grundlage für zahlreiche weitere PSG-Chancen.
Barcelona hatte mit 53 Prozent etwas mehr Ballbesitz, konnte daraus aber keinen entsprechenden Vorteil bei den Torchancen entwickeln. PSG verzeichnete 22 Abschlüsse, Barcelona 18. Noch deutlicher war der Unterschied bei den Schüssen auf das Tor: Die Franzosen brachten 15 Versuche auf den Kasten, die Katalanen lediglich fünf. Auch die Expected Goals sprechen für PSG. Paris kam auf 3,73 xG, Barcelona auf 2,19.
Joan García verhinderte mit zehn Paraden eine noch deutlichere Niederlage. Allein in der ersten Halbzeit kam PSG auf zehn Schüsse aufs Tor und erspielte sich wiederholt hochwertige Abschlusspositionen.
Barcelonas Chancen waren keineswegs schlecht. Besonders nach gelungenen Kombinationen gegen die Mannorientierung entstanden gefährliche Situationen. Zudem zeigte Yamal beim 2:2 in der 79. Minute, dass einzelne herausragende Aktionen selbst eine gut vorbereitete Defensivstrategie überwinden können. Allerdings hielt dieser Ausgleich nur zwei Minuten. PSG nutzte die Unordnung in Barcelonas Defensive sofort und ging durch Vitinha erneut in Führung.
Beide Mannschaften wollten den Gegner mit aggressivem Pressing unter Druck setzen. PSG setzte diesen Ansatz allerdings konsequenter um und fand gleichzeitig mehr Möglichkeiten, die gegnerischen Zuordnungen im eigenen Ballbesitz aufzulösen.
Gegen den Ball verhinderte Paris durch das Herausrücken der Verteidiger und die engmaschige Mannorientierung, dass Barcelona seine üblichen Überzahlsituationen im Mittelfeld herstellen konnte. Mit dem Ball schufen die Franzosen gezielt neue Räume: Hakimis Einrücken stellte Cancelo vor schwierige Entscheidungen, die Überladungen auf der linken Seite öffneten die gegenüberliegende Außenbahn und die Offensivspieler attackierten die entstandenen Lücken konsequent.
Barcelona hatte durchaus Möglichkeiten, diese Struktur zu bestrafen. Die Katalanen kamen aber zu selten mit sauberem Timing hinter die herausrückenden Pariser Verteidiger. Dazu fehlte es an der Konstanz bei Kombinationen über den dritten Mann und an der Absicherung gegen die schnellen Positionswechsel des Gegners. In der Schlussphase verschärften die nachlassenden Kräfte die Probleme zusätzlich. Hansi Flick räumte nach der Partie ein, dass seine Mannschaft in den letzten zehn Minuten nicht mehr frisch genug gewesen sei und PSG im Umschaltspiel große Qualität besitze.
Der 4:2-Erfolg war deshalb nicht einfach das Resultat überlegener individueller Klasse. Luis Enrique gewann vor allem den taktischen Vergleich darüber, wie man mannorientiertes Pressing organisiert und anschließend selbst überwindet. PSG konnte Barcelonas Spielaufbau häufig erfolgreich stören, ohne im eigenen Ballbesitz dieselben Probleme zu bekommen.