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Was den Geist stärkt und das Herz beschwert
Selbstverteidigungstraining gehörte zum Programm der jungen Sportlerinnen aus Israel.
Selbstverteidigungstraining gehörte zum Programm der jungen Sportlerinnen aus Israel. © Enrico Sauda

14 Mädchen aus israelischen Jugenddörfern verbringen eine Woche in Hessen – mit Krav-Maga-Training und einem Spiel gegen Eintracht Frankfurt. Viele von ihnen haben Väter oder Verwandte im Kriegseinsatz.

Frankfurt – Zum Flachlegen fehlt eine Matte. Doch auch so lernen die 14 Mädchen bei Lisa Heinemanns Einheit in Krav Maga viele Möglichkeiten, sich gegen einen potenziellen Angreifer oder Belästiger zu wehren. Da wird ins Gesicht gegriffen, mit dem Ellbogen gecheckt, getreten, oder man windet sich einfach aus einer Umklammerung heraus.

Der ganze Körper kann eingesetzt werden, wenn es darum geht, auf einen Übergriff zu reagieren und sich zu befreien. Das, sagt die Kampfsport-Expertin, sei das Bemerkenswerte an dieser Selbstverteidigungsform, dass sie aus den verschiedenen „Systemen“ all das herausnimmt, was funktioniert.

Die Teenager, die Heinemann an diesem Montagnachmittag drei Stunden lang in einem Raum auf dem neuen Campus des TuS Makkabi Frankfurt trainiert, sind mit Eifer dabei, wenn sie paarweise auf die Pratzen schlagen oder die Arme der anderen wegehebeln. Es sei wichtig, so etwas zu üben, sagt die 16-jährige Shira. Sie habe das auch schon mal in der Schule gemacht.

Harmonie nach dem Eintracht-Spiel

Die Schule, das ist für sie alle ein Internat, ein Jugenddorf, von denen es mehr als 200 in ihrem Herkunftsland oder ihrer Wahlheimat Israel gibt. 30 000 Jungen und Mädchen lebten dort, sagt Pava Raibstein, die in Deutschland die Geschäfte der Kinder- und Jugend-Aliyah führt. Die Organisation war 1933 von Recha Freier gegründet worden, um jüdische Kinder vor der zunehmenden Bedrohung des NS-Regimes nach Israel in Sicherheit zu bringen. Dort angekommen, habe man festgestellt, dass man der jüngeren Generation ein anderes Umfeld bieten müsse als jenes in den Kibbuzim der Erwachsenen, erklärt Raibstein.

So wurde das schon in seinen Anfängen bestehende Modell der Jugenddörfer rasch ausgebaut. Raibstein organisiert im Namen des Hilfswerks, das heute dem israelischen Erziehungsministerium untersteht, regelmäßig Begegnungen der Jugendlichen mit Altersgenossen aus dem Ausland zu unterschiedlichen Schwerpunkten. Dieses Mal sei es der Wunsch der Politik gewesen, einen Fokus auf den Mädchenfußball zu setzen, dessen Förderung seit eineinhalb Jahren in den Jugenddörfern forciert wird.

Die Gruppe, die eine Woche in Hessen verbringt, setzt sich aus Spielerinnen aus sieben verschiedenen Standorten zusammen. Neben mehreren Freundschaftspartien, unter anderem gegen die U15 von Eintracht Frankfurt, stehen noch zahlreiche andere Aktivitäten wie Schlittschuhlaufen, Sightseeing, Parkour und Padel auf dem Programm. Das alles soll nicht zuletzt dem Girls-Empowerment dienen, wie Raibstein sagt.

In sportlicher Hinsicht stellten die Mädchen vor allem im Duell mit der Eintracht fest, dass es einen Klassenunterschied gibt. „Doch danach ist etwas passiert, was ich noch nie erlebt habe“, sagt Shira. Nach dem harten Kampf auf dem Feld „ziehst du dich um und hast gemeinsam Spaß mit den Gegnerinnen“. Bei einem Abendessen wurden TikTok-Videos gedreht und einfache Sätze in den jeweiligen Sprachen beigebracht. „Im Spiel waren wir Rivalinnen, dann beste Freundinnen“, sagt Shira. Die Gruppenmitglieder, die sich vorher nicht kannten, waren auch danach ausgewählt worden, ob sie sozial kompetent, verantwortungsvoll, kommunikativ sind und Israel würdig vertreten könnten.

Der Krieg prägt das Alltagsleben

Sara etwa hat die Wahl ein bisschen überrascht. Sie habe zwar schon als Kind viel Sport getrieben, aber sich erst im Internat so richtig in den Fußball verliebt. Die 17-Jährige zählt zu den jährlich etwa 600 bis 700 Kindern, die weiterhin aus verschiedensten Teilen der Welt ohne Eltern nach Israel kommen, um dort in den Jugenddörfern Möglichkeiten wahrzunehmen, die ihnen in der eigenen Heimat versagt bleiben würden.

Sara stammt ursprünglich aus Mexiko, war von ihrer Mutter im jüdischen Glauben erzogen worden. „Aber es gibt dort keine größere Gemeinschaft, und ich bin die Einzige in meinem Alter gewesen“, sagt sie. Zudem fühle sie sich in Israel sicherer. „In Mexiko kann man nach Sonnenuntergang nicht allein auf die Straße gehen“, sagt sie. „Ich weiß, dass es auch in Israel gefährlich werden kann.“ Sie sei „mitten im Krieg“ ins Land gekommen, und es sei anfangs „schrecklich“ gewesen. Aber die Familie, bei der sie ihre Wochenenden verbringt, habe dafür gesorgt, dass sie sich dennoch gut aufgehoben fühlte. „Ich verspüre eine Verbindung zu dem Land und den Menschen dort“, sagt Sara. Wie andere aus der Gruppe, will sie auch deshalb später zur Armee gehen. „Dem Land, das einem so viel gibt, etwas zurückgeben“, heißt es mehrfach von den Sportlerinnen.

Dabei prägt der Krieg schon heute das Alltagsleben, haben viele Verwandte, die zum Dienst eingezogen sind und um die sich die Angehörigen große Sorgen machen. Shirans Vater etwa leistet Reservistendienst. Die Tochter weiß oft nicht, wo er sich gerade befindet, denn bei den Bodentruppen im Gaza-Streifen seien Handys wegen einer möglichen Ortung verboten. „Die Sorgen um ihn blockieren seit drei Jahren mein Herz“, sagt sie. Erstmals in diesem Gespräch legt sich ein Schatten über die Augen der 15-Jährigen, die davon träumt, Fußballprofi zu werden. In ihrem Land sei das für Frauen zwar eher keine Perspektive. „Aber dann werde ich eben zur Eintracht wechseln“, sagt sie.

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