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Stuttgart in der Champions League: „Ich kann nur den Hut ziehen“
Baris Yilmaz (links) will Deniz Undav an den Kragen, der reagiert gelassen.
Baris Yilmaz (links) will Deniz Undav an den Kragen, der reagiert gelassen.Murad Sezer/Reuters

Die Lautstärke auf dem Löwenhügel, wie die Fans von Galatasaray ihr Stadion in Anlehnung an das Wappentier des Klubs nennen, beschäftigte den VfB Stuttgart in mehrerer Hinsicht. Bereits vor dem Champions-League-Auswärtsspiel in Istanbul leistete sich die Social-Media-Abteilung des Bundesligisten eine später wieder gelöschte Stichelei: Sie postete ein Foto einer Lautsprecheranlage – versehen mit drei Grübel-Emojis. Damit griffen die Gäste eine bereits länger geführte Diskussion auf: Wird den berüchtigten Pfiffen am Bosporus womöglich künstlich nachgeholfen? Einen entsprechenden Verdacht äußerte nach der Partie auch Fabian Bredlow, der als Torhüter der Stuttgarter den Fans besonders nahe war. „Ich weiß ja nicht, ob die alle so von Menschen erzeugt wurden. Vor allem, wenn gesungen wurde und auf einmal Pfiffe kamen, dachte ich mir: Da stimmt doch was nicht“, wunderte sich Bredlow.

Fest steht: Am Dienstagabend bekamen die Schwaben nicht nur akustisch ordentlich etwas auf die Ohren – auch sportlich gab es einiges zu verarbeiten. Der VfB Stuttgart kassierte gegen Galatasaray eine mehr als vermeidbare erste Niederlage in dieser Königsklassen-Saison und verpasste damit einen wesentlichen Schritt, um sich frühzeitig die Teilnahme an den Achtelfinal-Play-offs zu sichern.

MeinungVfB Stuttgart

:Diese Saison wird zum Härtetest für Sebastian Hoeneß

Das 0:2 sei „sehr, sehr ärgerlich“, haderte Trainer Sebastian Hoeneß mit dem Ergebnis. Obwohl seine Mannschaft einen insgesamt starken Auftritt hingelegt hatte, gelang es ihr nicht, den frühen Doppelschlag von Alexei Batrakow wegzustecken: Der Spielmacher traf in der zwölften Spielminute und legte 191 Sekunden später nach. „Beim Zweiten verdauen wir den Ersten noch“, sagte VfB-Sportvorstand Fabian Wohlgemuth. Es schien, als hätten sich die Schwaben kurz beeindrucken lassen. Mit rustikalen Fouls trugen sie allerdings nicht unwesentlich zur hitzigen Kulisse bei.

Leweling scheitert früh mit einem Schuss an beide Pfosten

Nach genau 60 Sekunden streckte Atakan Karazor seinen Gegenspieler Baris Yilmaz mit einer Grätsche auf den Mittelfuß nieder. Yilmaz wälzte sich vor Schmerzen, musste behandelt werden. Für sein an einen Platzverweis grenzendes Einsteigen kam Karazor mit Gelb davon. Mit der gleichen Karte wurden später die Aktionen des kurz darauf für den verletzten Karazor (Pferdekuss) eingewechselten Europapokal-Debütanten Yanik Spalt und von Roman Hendriks geahndet. Spalt, 19, der sich prächtig einfand, erwischte vor der Pause den Torschützen Batrakow am Fuß, Hendriks räumte in der 79. Minute beinahe brutal Stürmer Victor Osimhen ab. Der Innenverteidiger traf den Nigerianer mit offener Sohle von schräg hinten am Sprunggelenk.

Zudem wurden Grischa Prömel wegen eines taktischen Fouls und Kapitän Deniz Undav verwarnt. Letzterer hatte gemeinsam mit seinem ebenfalls mit Gelb bedachten Kontrahenten Yilmaz am Spielfeldrand ein heftiges Handgemenge in der ersten Halbzeit ausgelöst. Die Stuttgarter agierten in einer riskanten Mann-gegen-Mann-Ausrichtung über den gesamten Platz, intensive Zweikämpfe waren daher kaum zu vermeiden. Diese Strategie sorgte einerseits dafür, dass die Schwaben durchweg zu aussichtsreichen Balleroberungen kamen und die Gastgeber defensiv vor erhebliche Probleme stellten. Noch vor dem eigenen Rückstand hätte Rechtsaußen Jamie Leweling das erste Tor für den VfB erzielen müssen, als er freistehend gleich doppelt am Pfosten scheiterte: Der Ball prallte zunächst links und dann rechts an die Innenseite des Torgestänges. „Wir wussten, dass wir uns nicht klein machen dürfen. Das haben wir auch gemacht“, bilanzierte Stürmer Ermedin Demirovic.

Andererseits erhielt Galatasarays Offensive um Osimhen und Batrakow dadurch früh im Spiel gefährliche Freiräume für Kontersituationen. Aus einer solchen resultierte das 1:0. Zwar konnte der VfB den ersten Vorstoß noch klären, wirkte anschließend jedoch ungeordnet. Am Ende beförderte Jeff Chabot den Ball unglücklich vor die Füße Batrakows, der ihn aus dem Stand in den Winkel jagte. Beim zweiten Treffer enteilte Batrakow dem bereits angeschlagenen Karazor lässig. Der 21-jährige Russe platzierte den Ball durch die Beine Bredlows. Solche Tore sähen „immer blöd“ aus, sagte der Routinier, der für Dennis Seimen ins Tor rotiert war.

Der Spielverlauf kam den tabellarisch unter Druck stehenden Türken gelegen. Sie richteten ihren Fokus auf die Abwehr und retteten den Vorsprung über die Zeit – nicht zuletzt, weil der VfB bei zahlreichen hochkarätigen Chancen dieselbe Kaltschnäuzigkeit wie die Heimmannschaft vermissen ließ. „Das Ding wollte irgendwie nicht rein“, sagte Hoeneß. Einen Vorwurf wollte er seinen Spielern aber nicht machen. Vielmehr sprach er ihnen für die Moral in der zweiten Halbzeit ein besonderes Lob aus: „Ich kann nur den Hut ziehen.“ Die Leistung empfand auch Wohlgemuth als „kleinen Trost“.

Der VfB Stuttgart hatte das Potenzial, das Stadion in Istanbul am Dienstag zum Verstummen zu bringen. Stattdessen mussten die Schwaben am Ende den Jubel der gegnerischen Fans über sich ergehen lassen, in der bekannten Lautstärke.

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