Zurück
Urgestein, Kapitän, Vertreter der „alten Generation“: Daniel Wessels hat Westfalia Vinnum über Jahre geprägt. Jetzt muss er aufhören – wegen seines Körpers.
Darum geht‘s:
Als Daniel Wessels am Sonntag (18. Oktober) den Platz verlässt, warten draußen zwei ganz besondere Menschen auf ihn. Seine Frau und sein kleiner Sohn, der ein Trikot mit der Aufschrift „Mini Wessels“ trägt, empfangen den langjährigen Kapitän von Westfalia Vinnum. Nach 14 Jahren in der ersten Mannschaft ist für den 34-Jährigen vorerst Schluss. Nicht, weil er keine Lust mehr hat. Sondern weil sein Körper nicht mehr mitmacht.
„Ich habe den Fußball immer geliebt und gelebt“, sagt Wessels. „Die Zeit, seitdem ich wusste, dass es kein freiwilliges Ende wird, war schon echt kacke. Emotional war das nicht einfach.“
Ausgerechnet sein letzter Auftritt gegen SW Meckinghoven II (4:4) beginnt dann beinahe wie bestellt. Gerade einmal zwei Minuten sind gespielt, als Wessels aus rund 35 Metern einen Freistoß Richtung Tor bringt. Der Ball landet im Netz. 1:0 für Vinnum.
„Ich habe vorher viele Nachrichten bekommen, dass ich doch noch mal ein Tor machen soll“, erzählt er und lacht. „Der Ball wurde noch von irgendwem abgefälscht. Aber der Schiedsrichter hat das Tor bei mir aufgeschrieben. Das würde ich auch niemals hinterfragen.“
Der Nachmittag nimmt anschließend einen turbulenten Verlauf. Vinnum verspielt eine 3:0-Führung, gerät sogar mit 3:4 in Rückstand und rettet durch Alexander Berezovskij in der 90. Minute immerhin einen Punkt.
Für Wessels ist das Ergebnis allerdings nicht das Entscheidende. „Auf dem Weg dahin wird einem bewusst, dass es das letzte Mal ist, dass man sonntags zum Spiel fährt“, erzählt er. „Das war schon hart.“
Der Grund für den unfreiwilligen Abschied liegt vor allem im linken Knie. Seit knapp zwei Jahren plagen Wessels dort immer wieder Schmerzen. „Ich habe das ehrlich gesagt immer ein bisschen ignoriert und auf den Alltag geschoben. Und wenn beim Fußball wenige Leute da sind, gehst du auch nicht zum Arzt.“
Erst im Sommer lässt er die Beschwerden untersuchen. Die Diagnose: Knorpelschaden. Am 2. November steht die erste von zwei Operationen an. Auch das rechte Sprunggelenk macht seit Jahren Probleme. Dort hat sich ein Knochenstück abgesplittert, das im kommenden Jahr operativ entfernt werden soll.
„Früher hatte ich öfter mal einen Bänderriss“, erzählt Wessels. „Bei Spielern meiner Generation war nicht viel mit Auskurieren. Eine Ibu und ein Tape, dann ging es wieder.“ Die Probleme am Sprunggelenk führt er deshalb auf den Fußball zurück. Woher der Knorpelschaden stammt, weiß er dagegen nicht.
Besonders die lange Rehabilitation nach der Knieoperation dürfte zur Geduldsprobe werden. „Vor allen Dingen muss ich ruhig bleiben. Das fällt mir generell sehr schwer“, sagt er.
Insgesamt 17 Jahre hat Wessels im Seniorenbereich gespielt. Drei davon verbrachte er außerhalb Vinnums, zunächst eine Saison beim SV Südkirchen, anschließend zwei beim FC Nordkirchen. Die übrigen 14 Jahre gehörten der ersten Mannschaft seines Heimatvereins.
Rund sechseinhalb Jahre trug er die Kapitänsbinde. Nach eigener Aussage hat in der jüngeren Vereinsgeschichte kein Spieler mehr Einsatzminuten für Westfalia Vinnum gesammelt als er. Als sich der Verein im November 2024 von Trainer Stephan Böhm trennte, übernahm Wessels zwischenzeitlich sogar selbst die Verantwortung an der Seitenlinie.
Gleich in seiner ersten Seniorensaison gelang dem damals 17-Jährigen mit Vinnum der Aufstieg von der Kreisliga B in die A-Liga. Doch beim Rückblick auf die vielen Jahre denkt Wessels längst nicht nur an sportliche Erfolge.
„Mir sind in letzter Zeit ganz viele kleine Sachen eingefallen, bei denen ich schmunzeln oder lachen musste“, erzählt er. „Wir hatten tolle Auswärtsfahrten und haben unglaublich viel gelacht. Auch unabhängig von den Spielen, die ja nicht immer zum Lachen waren.“
Was ihm vor allem bleibt, sind die Menschen. „Ich habe nicht nur mit guten Fußballern zusammengespielt, sondern mit noch besseren Menschen. Über die lange Zeit hatte ich wirklich viel Spaß und Freude mit den Leuten.“
Mit dem Abschied endet auch ein Alltag, der fest vom Fußball bestimmt wurde. Dienstags und donnerstags Training, sonntags Spiel. Für anderes blieb häufig wenig Zeit.
„Ich habe mich bei meiner Verabschiedung auch bei meiner Familie bedankt“, erzählt Wessels. „Die konnten dienstags, donnerstags und sonntags keine Geburtstage mit mir feiern, weil ich sowieso immer auf dem Sportplatz war.“
Nun gibt es plötzlich ungewohnt viel gemeinsame Zeit. Wessels nimmt es mit Humor: „Ich weiß gar nicht, was ich jetzt sonntags mit meiner Frau machen soll“, sagt er lachend.
Ganz ohne Westfalia wird es ohnehin nicht gehen. Wessels wohnt nur wenige Kilometer vom Sportplatz entfernt und engagiert sich weiterhin im Vorstand. „Ich bin ja nicht weg. Ich werde mit Sicherheit auch öfter dienstags oder donnerstags hinfahren. Zur Not gehe ich in die Sauna und trinke ein Bier mit den Jungs.“
Dass auf dem Platz nun andere Verantwortung übernehmen müssen, bereitet ihm keine großen Sorgen. Mit Nils Bauer und Patrick Fechner sind weiterhin erfahrene Kräfte dabei. Vor allem aber sieht Wessels in der jüngeren Generation großes Potenzial.
„Wenn ich mir Felix Fohrmann, Laurenz Ahmann oder Luca Helmig angucke, sind das sehr vernünftige Jungs. Die sind absolut gerade im Kopf und von ihrer Art eher wie wir Älteren“, sagt er. „Da wird mir nicht angst und bange. Die kriegen das schon hin.“
Vielleicht ist sein Abschied vom aktiven Fußball ohnehin noch nicht endgültig. Trainer Sanmi Ojo hatte einen vergleichbaren Knorpelschaden und spielt inzwischen wieder beschwerdefrei. Er vermittelte Wessels auch den behandelnden Arzt.
„Ich bin positiv gestimmt, irgendwann wieder gegen den Ball zu treten“, sagt Wessels. „Wie ich Westfalia kenne, wird das vielleicht auch noch mal in der ersten Mannschaft sein. Ich weiß es nicht.“
Am Freitag (23. Oktober) wird er 35 Jahre alt. Wenige Tage später steht die erste Operation an. Und zu Hause wartet schon jemand, mit dem er weiterhin Fußball spielen kann: sein fast zweijähriger Sohn.
Wenn der Kleine einmal Fußballer wird, würde das Wessels freuen. Schließlich gebe es auch noch das Reiter-Gen seiner Frau. „Ich würde mich lieber am Wochenende wieder auf dem Sportplatz sehen als auf einem Reitturnier“, sagt Wessels und lacht.