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Mikaela Shiffrin vor Ski-Weltcup-Start in Sölden: Saison der Erkundung

Mikaela Shiffrin gehört zu den erfolgreichsten Skirennläuferinnen ihrer Zeit. Doch statt sich im Slalom immer wieder selbst zu überholen, will sie ihre Begabung nun in anderen Disziplinen ausleben.

Lichtgestalt: Mikaela Shiffrin im Riesenslalom

Ein helles Stoffsofa, den Laptop auf dem Schoß, ein Mikrofon vor der Nase, das Handy griffbereit auf dem Zweisitzer. Im Rücken ein Fenster mit Aussicht auf die Berge, schneebedeckt, aber wolkenverhangen. Mikaela Shiffrin verkündet ihren Plan für den kommenden Winter. Sie wagt einen Schnitt. Und sie hat diesen Schnitt offensichtlich lange geplant und sich gut überlegt. Das Setting sitzt. Die Botschaft auch.

Die 31-jährige US-Amerikanerin, hochdekoriert im alpinen Skirennsport, kündigt via Youtube eine „Saison der Erkundung“ an. Sie möchte nicht mehr so oft im Slalom antreten, der Disziplin, in der sie größte Meisterschaft erlangt hat. Stattdessen strebt sie andere Herausforderungen an, um ihre Neugierde am Skirennsport frisch zu halten.

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„Was inspiriert mich?“

Shiffrin macht es sich nicht leicht mit der Begründung. Eine gute halbe Stunde erörtert sie ihre Gedankenwelt, ihre Gefühle, ihre Pläne. Erzählt von sich und der Ski-Welt, die sie liebt, aber in der sie etwas anderes sucht. Zwei Kameras filmen sie dabei, wie sie auf dem Sofa sitzt, redend, gestikulierend, lachend, sinnierend. „Was inspiriert mich?“ Das ist die Kernfrage.

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Seit 16 Jahren bewegt sich Shiffrin im Ski-Weltcup, ihr halbes Leben lang. Sechsmal sicherte sie sich den Sieg in der Gesamtwertung, auch im vergangenen Winter. Sie gewann 110 von 304 Rennen in sechs Disziplinen. Achtmal war sie Weltmeisterin, dreimal Olympiasiegerin, zuletzt im Februar in Cortina d’Ampezzo.

Und besonders frappierend war ihre Dominanz im Slalom-Weltcup, wo sie stets die Gejagte war – sich aber selten einholen ließ. Sie startete in 128 Weltcup-Rennen, erreichte 99 Mal einen Podestplatz und 73 Mal das höchste Treppchen. Folgerichtig gehörte ihr neunmal die Kristallkugel als Beste ihres Metiers.

„Wie kann man noch Spaß empfinden, wenn man so viel gewonnen hat?“, fragt sie sich selbst. Und gibt die Antwort, dass es ihr vordergründig nie darum gegangen sei, Medaillen zu gewinnen oder Rekorde aufzustellen. Ihre intrinsische Motivation habe sie stets angetrieben: „Der alles überragende Fokus war immer, eine bessere Skifahrerin zu werden.“

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Sie nennt es den „Clicking-Moment“: Wenn sich der Schwung endlich perfekt anfühlt, der nächste auch. Und am besten alle Schwünge nacheinander. „Ich liebe den Prozess, besser zu werden.“ Im Slalom hat sie diesen Prozess offensichtlich abgeschlossen. Nun möchte sie sich auf Riesenslalom und Super-G konzentrieren.

„Scanner-Persönlichkeiten“ oder „Renaissance-Menschen“

Wenn Menschen eine Fähigkeit bis zur Perfektion beherrschen und sie dann aufgeben, um etwas Neues zu beginnen, spricht die psychologische Forschung von „Scanner-Persönlichkeiten“ oder „Renaissance-Menschen“. Leonardo da Vinci gilt als Prototyp dieser viel begabten Multitalente.

Da Vinci lebte im 15. und 16. Jahrhundert, überlebte als Figur des öffentlichen Bewusstseins aber bis heute – und das nicht nur als begnadeter Maler, der mit der „Mona Lisa“ das perfekte Bild erschuf, sondern auch als Bildhauer, Architekt und Wissenschaftler. Er wollte wissen und verstehen, wie die Welt funktioniert.

Menschen mit Fähigkeiten dieser Art gelten als extrem innovativ. Sie können ihre Profession auf eine neue Ebene heben. Doch dahinter verborgen lauert oft auch die Angst vor der Monotonie des Alltags. Nur solange man lernt, versprechen die Herausforderungen aufregend zu bleiben.

Alles erreicht: Mikaela Shiffrin feiert mit Slalom-Gold bei Olympia 2026.
Alles erreicht: Mikaela Shiffrin feiert mit Slalom-Gold bei Olympia 2026.AFP

Mikaela Shiffrin zog ihre Motivation daraus, das Slalomfahren bis zur Perfektion beherrschen zu wollen und zu können – und betont, dass „nichts daran einfach war“. Sie zählt die einzelnen Komponenten auf, die maximalen Aufwand erforderten: die extreme physische Belastung, die koordinative Herausforderung, das Beherrschen des hohen Tempos, die Entwicklung und die Präparation des Materials – und nicht zuletzt die mentale sowie psychische Problematik, das alles zusammenzubekommen.

Ihr Fazit nach 16 intensiven Jahren: „Ich liebte es, Tausende von Schwüngen zu fahren.“ Worauf sie immer noch Wert legt: „Meine Liebe und mein Respekt vor dem Slalom hat sich nicht geändert.“ Und doch gibt es ein Aber.

Olympiasieg als Belohnung für einen Traum

Ihren Slalom-Sieg bei den Olympischen Spielen 2026 beschrieb Shiffrin als großen Kampf, gegen ihre Kritiker, ihre Dämonen, nicht zuletzt gegen sich selbst. „Ich bin dort angetreten – trotz Angst, Adrenalin und der Gefahr von Kritik und Gegenwind von Leuten, die keine Ahnung haben und nicht einmal versuchen, es zu verstehen.“ So ihr Einstieg.

„Ich habe gewonnen.“ So ihr Fazit, das sich wie ein Refrain durch ihre Gedanken zog. Die Medaille war dabei nur die Zugabe. Der Sieg war ihre Belohnung dafür, einem Traum hinterhergejagt zu sein, und dabei Hindernisse überwunden zu haben.

„Ich kämpfte, um etwas zu wagen und zu träumen. Ich kämpfte, um daran zu glauben.“

„Ich habe alles hinterfragt. Und dann ließ ich diese Fragen hinter mir und trat trotzdem in die Arena.“

„Ich habe gewonnen – ach ja, und eine Medaille habe ich auch bekommen.“

Dass sich Mikalea Shiffrin nun auf Riesenslalom und Super-G konzentrieren möchte, ist kein Sprung in völliges Neuland. Sie wechselt ja nicht die Sportart, sondern nur den Fokus der Disziplinen. Auch im Riesenslalom gehörte sie schon immer zu den weltbesten Fahrerinnen, war bereits Olympiasiegerin und Weltmeisterin. Und selbst im Super-G sicherte sie sich schon Gold und Ehre.

Von 110 Riesenslalom-Weltcups, bei denen sie angetreten war, gewann sie 22. Auch in Sölden, wo an diesem Samstag (10.30 und 13.30 Uhr in der ARD und bei Eurosport) mit dem Rennen auf dem Rettenbachgletscher der traditionelle Saisonstart erfolgt, stand sie 2014 und 2021 schon ganz oben auf dem Siegerpodest. Bei elf Auftritten im Ötztal schnitt sie nie schlechter ab als auf Rang sechs.

Flashbacks und Panikattacken

Doch im Riesenslalom erlebte sie auch den gefährlichsten Moment ihrer Karriere. In Killington Ende November 2024 war sie scheinbar auf dem Weg zu ihrem 100. Weltcupsieg. Dann rutschte sie weg, überschlug sich und krachte in die Fangzäune.

Dabei zog sie sich eine etwa sieben Zentimeter tiefe Einstichwunde im Bauch zu, die sie offenbar durch ihren Skistock erlitten hatte. Der verfehlte ihren Dickdarm nur um wenige Millimeter, wodurch eine lebensbedrohliche Blutvergiftung nur mit Glück verhindert werden konnte. Ihre Bauchmuskulatur war schwer beschädigt. Mehrere Operationen waren nötig, bis sie wieder ans Skifahren denken konnte.

Beim Riesenslalom in Killington verletzte sich Shiffrin im November 2024 schwer
Beim Riesenslalom in Killington verletzte sich Shiffrin im November 2024 schwerAFP

Doch nach einer zweimonatigen Zwangspause blieb eine posttraumatische Belastungsstörung zurück. Shiffrin litt im Riesenslalom-Training unter Flashbacks und Panikattacken. Zeitweise dachte sie sogar über ein Karriereende nach. Dank psychologischer Betreuung kehrte sie zurück in den Weltcup und holte ihren hundertsten Weltcupsieg schon bald nach – in einem Slalom.

Kilde als Stütze und Stütze für Kilde

Als großer Halt in der Phase der Verunsicherung erwies sich ihr Freund Aleksander Aamodt Kilde – und sie für ihn. Der 34-jährige Norweger ist selbst ein begnadeter und erfolgreicher Skirennläufer, Spezialist für Abfahrt und Super-G, doch in der jüngeren Vergangenheit wurde er durch schwere Stürze und Verletzungen gebeutelt.

Derzeit ist Kilde wegen eines Achillessehnenrisses außer Gefecht, den er sich vergangenen Woche beim Abfahrtstraining in Chile zugezogen hat. Kilde liegt in Innsbruck im Spital, umgehend reiste Shiffrin zu ihm. „Du bist ein Geschenk für jeden, der dich kennt“, schrieb sie ihm öffentlich – beide posteten ein gemeinsames Bild aus dem Krankenbett.

Darin haben sie bereits Routine. Nach einem fürchterlichen Sturz in Wengen war Kilde sogar eine Weile auf einen Rollstuhl angewiesen. Im April 2024 verlobten sich die beiden, noch im Krankenhaus hatte er um ihre Hand angehalten.

Seit Ende 2020 sind sie ein Paar. Kilde hatte ihr beigestanden, als Shiffrins Vater Jeff nach den Folgen eines Unfalls im eigenen Haus überraschend gestorben war. Auch damals hatte sie darüber sinniert, ihre Karriere beenden zu wollen, kam nach einer längeren Auszeit aber gestärkt zurück. Der Öffentlichkeit teilten Shiffrin und Kilde im Sommer 2021 mit, dass sie zusammen sind.

Wie erreicht man Longevity im Skirennsport?

In ihren Reflexionen über die „Saison der Erkundung“ geht Mikaela Shiffrin auch der Frage nach, wie Longevity im Skirennsport erreichbar sein könnte. Das Streben nach „Langlebigkeit“, das derzeit en vogue ist, soll den Menschen durch bestmögliche Ernährung, ausreichend Bewegung, gezielte Erholung und emotionale Gesundheit ein hohes Alter bei bester körperlicher und geistiger Fitness ermöglichen.

Nun sind Menschen Anfang 30 noch weit davon entfernt, sich mit Altersgebrechen auseinandersetzen zu müssen. Aber der Skirennsport hält solch extreme Belastungen für seine Protagonisten parat, dass es auch nicht schaden kann, sich frühzeitig mit den möglichen Folgen zu beschäftigen – und rechtzeitig einen Gang runterzuschalten.

Indem sie bewusst Slalom-Rennen auslässt, schafft sich Shiffrin Freiräume und Erholungsphasen. Sie entlastet ihr körperliches System, um als Athletin insgesamt länger auf hohem Niveau agieren zu können – und um „das innere Feuer“ am Lodern zu halten. Sollte sie Ende des Winters dennoch Chancen haben, abermals den Gesamt-Weltcup gewinnen zu können, schließt sie nicht aus, sich auch wieder in den Stangenwald zu begeben: „Ich bin nicht fertig mit Slalom.“