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Trainer Fabian Hürzeler mischt aktuell mit seinem Club Brighton and Hove Albion die englische Premier League auf. Dabei baut er auf einem System auf, mit dem er einst den FC St. Pauli in die Bundesliga führte.
Sie liefen, sie passten, sie suchten. Doch was immer sie sich überlegten, machten und probierten: ein Spieler in Blau war schon da. So erging es im September binnen weniger Tage den Spielern von Manchester United und Arsenal London. Gestandene Spieler, Nationalspieler, teilweise englische Meister, die nun diese fußballerische Interpretation der Tierfabel "Hase und Igel" am eigenen Leib erlebten.
Denn überall, wo sie sich hinwandten oder einen Ausweg wähnten, signalisierten ihnen die Spieler von Brighton: "Ich bin schon da!" Der Unterschied zur Fabel: Brighton hatte keine numerische Überlegenheit. Sie hatten aber den besseren Plan - und eine eindeutige Hoheit über die Räume.
Die strategisch klug zu besetzen, ist einer der wichtigsten Bausteine, auf die Brighton unter Hürzeler seinen Erfolg baut. Der ehemalige Coach des FC St. Pauli lässt über Positionierung und Pressing Passwege des Gegners leiten und "vorhersehbar" machen, wie die Analysten des Global Soccer Networks (GSN) herausstellen. Das Ziel: "Der Gegner soll gar nicht erst aus Brightons Angriffsraum herauskommen."
Gegen Manchester United im Liga-Pokal im September landete am Ende einer solchen Sequenz der Ball beim deutschen Nationalspieler Pascal Groß, der im Strafraum eiskalt zum zwischenzeitlichen 2:2 bei Brightons 3:2-Comeback-Sieg im Old Trafford traf. Arsenals Meister-Coach Mikel Arteta gab wenig später nach dem 0:3 seines Teams gegen Brighton gar konsterniert zu Protokoll, er und sein Team hätten eine "Lektion" erhalten. Seit dem Re-Start der Liga nach der XXL-Länderspielpause bekamen auch Sunderland (2:0) und zuletzt Crystal Palace (5:0) Hürzelers "Raumwunder" zu spüren.
Und geht es nach dem Coach und seinem Team, sollen in den nächsten Tagen der FC Liverpool (Sonntag, 15 Uhr) sowie Manchester City (28. und 31. Oktober, 20.30 und 16 Uhr) folgen.
Die Mannschaft gewinnt durchschnittlich knapp 33 Bälle pro Partie in der gegnerischen Hälfte - ligaweit Rang zwei. Fast sieben sind es sogar im gegnerischen Strafraum (Platz eins). Brightons Ballbesitzphasen enden somit häufig nicht nach einem Ballverlust vollständig, stattdessen entsteht eine zweite oder dritte Angriffswelle.
Die dahinter liegende Logik ist nicht: "Wir müssen sofort zum Ball." Sondern eher: "Wir sorgen dafür, dass der nächste Pass vorhersehbar wird." Insgesamt finden 39 Prozent der Ballgewinne des Hürzeler-Teams in der gegnerischen Hälfte statt - die Südengländer sind damit Primus in der Premier League.
Es sind taktische Mechanismen, die Hürzeler auch bei St. Pauli hatte spielen lassen - in England verfeinert er sie mit besseren Spielern noch einmal. Schon zu Hamburger Zeiten hatte er "einen aktiven, einen dominanten Fußball spielen" lassen, "bei dem wir nicht auf den Gegner reagieren müssen". Hürzeler denkt gerne mit Ball, hat gerne den Ball, damit "ich dem Gegner meine Ideen aufdrücken kann", wie er bereits 2023 dem FCSP-Podcast "Millernton" sagte.
Ein weiterer Schlüssel seines Systems ist, dass er nicht dogmatisch an einem System hängt. Die Profis spielen beim gebürtigen Texaner "die Räume und nicht die Positionen. Es gibt Räume, die bei uns besetzt sein müssen. Aber wer das macht, ist mir letztendlich egal." Auch das stammt aus seiner Zeit in Hamburg, stresste einst die 17 anderen Zweitligisten - und nun Top-Teams in der Premier League.
Für die Daten-Experten ist bemerkenswert, dass Brighton dabei "keineswegs über enorme Lauf- oder Sprintvolumina dominiert". Im Gegenteil: "Bei vielen physischen Kennzahlen liegt die Mannschaft am Tabellenende." Die Dominanz entstehe "weniger über permanente Bewegung als über Positionierung, Abstände, Passwinkel und das frühzeitige Besetzen der richtigen Räume".
Die GSN-Analysten sehen im Hürzeler-Fußball keine "permanente, sondern situative Intensität. Wenn die Mannschaft in einen Zugriff kommt, geschieht dieser offenbar sehr intensiv." Es ist etwas, was nach dem Arsenal-Spiel auch England-Legende Alan Shearer faszinierte. "Jedes Mal, wenn sie es getan haben, haben sie den Ball bekommen. Sie machen es als Team, nicht allein oder zu zweit", sagte er im Gespräch mit der BBC. Da die Situation es hergab, wurde Arsenal so auch tief in der Nachspielzeit in einer lange zuvor entschiedenen Begegnung noch einmal an der eigenen Grundlinie "gefesselt".
Brighton presst seine Gegner - hier Arsenals Riccardo Calafiori - situativ mit hoher Intensität.
Hürzelers Idee, Räume statt Positionen zu besetzen, drückt sich aber nicht nur in Pressing und Balleroberungen in hohen Räumen aus, sondern auch im eigenen Ballbesitz. Den nutzt Brighton zur "Manipulation gegnerischer Abstände", so die GSN-Experten. Das Team positioniert sich "sehr konsequent in den Zwischenräumen, schafft eine hohe Präsenz vor und hinter der gegnerischen Mittelfeldlinie, bindet den Gegner über Breite und greift anschließend bevorzugt Zentrum und Halbräume an".
Brighton hatte über die ersten fünf Spieltage in der Premier League hinweg im Schnitt zwar 64 Prozent Ballbesitz. Das Geheimnis des Spiels aber ist für die GSN-Analysten "erst die Verbindung von Ballbesitz, Raumaufteilung, Restverteidigung und Gegenpressing".
Die Mannschaft besetzt Räume so gut, dass sie aktuell weder besonders viel laufen noch besonders viel dribbeln muss.
Die Mannschaft besetze "Räume so gut, dass sie aktuell weder besonders viel laufen noch besonders viel dribbeln muss, um den Gegner zu dominieren". Sie steht häufig schon dort, wo der nächste relevante Moment des Spiels stattfinden wird. Hase und Igel. Und so geht es "nicht um maximale Bewegung, sondern um maximale Wirkung aus der richtigen Position".
Dafür hat der ewig lernwillige Hürzeler sich auch einem spielerischen Element zugewandt, dem er beim FC St. Pauli noch abgeschworen hatte: dem langen Ball. In Hamburg hatte er lange und zweite Bälle als "zu viel Zufall" bezeichnet, zumal er es für die Spielerentwicklung als nicht förderlich erachtete: "Ich bin überzeugt, dass sich Spieler nicht entwickeln, wenn sie viel zufallsbasierten Fußball spielen."
Die Daten aber zeigen: "Der lange Ball ist kein Notfallplan", sondern eine bewusste zweite Option. Die Analysten sagen sogar, dass "Brightons Fähigkeit, lang zu spielen, taktisch leicht unterschätzt" werde. Die Erfolgsquote bei langen Bällen: 60 Prozent, ligaweit Platz zwei.
Es entspricht Hürzelers Maxime der ständigen Weiterentwicklung, dass er auch dieses Element mittlerweile in sein Spiel eingewoben hat. Für die Gegner bedeutet das im Zweifel nichts Gutes, weil sie sich noch ein bisschen weniger auf das Spiel von Brighton einstellen können.
Dieses Thema im Programm: NDR.de | So funktioniert Hürzelers Spieltaktik bei Brighton | 20.10.2026 | 15:09 Uhr