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Volker Grimminger wischt das letzte bisschen Kunstrasengranulat vom Schienbein. Es ist Freitagabend, gerade hat der 47-Jährige im Rahmen seiner Fußballschule mit Jugendlichen trainiert. Grimminger, den in Reutlingen alle nur ‚Volle‘ nennen, sitzt auf einer Holzbank auf dem Trainingsgelände der Young Boys Reutlingen. „Ich freue mich, dass da drüben morgen endlich mal wieder ein echtes Fußballspiel stattfindet“, sagt er und blickt auf das direkt gegenüberliegende Kreuzeichestadion. Dort spielt der SSV Reutlingen. Früher war Grimminger selbst Spieler beim SSV. 2006 stieg er mit dem Klub in die Regionalliga auf. „Als Spieler war das die beste Zeit meines Lebens“, sagt er. Später war er auch Trainer beim Reutlinger Traditionsklub. Doch beim morgigen Spiel wird alles anders sein: Mittlerweile ist Grimminger Chefcoach der ersten Mannschaft der Young Boys und damit bei dem Klub, der erst 2006 gegründet wurde, der im Sommer 2026 in die Oberliga aufsteigen konnte und nun erstmals auf Ligaebene gegen den Platzhirschen in der Kreuzeiche antreten wird.
Von 7000 Zuschauern ist am Vorabend des Spiels die Rede. „Der SSV hat dieses Jahr einen herausragenden Kader und ich weiß nicht, ob sie den auch hätten, wenn der Druck von der anderen Seite des Kunstrasens nicht gekommen wäre“, sagt Grimminger. Als „alter SSVler“ sagt der Young-Boys-Coach über die neue Konkurrenzsituation in diesem altehrwürdigen, zuletzt aber irgendwie eingeschlafenen Fußballstandort: „Das ist das Beste, was der Stadt passieren konnte.“ Eine legitime Aussage. Der aber viele Reutlinger vehement widersprechen.
Samstagmittag, es ist Stadtduell-Tag. Vor dem Tübinger Tor haben sich mitten in der Reutlinger Innenstadt gute 600 SSV-Fans eingefunden, auch befreundete Gäste aus der Cannstatter Kurve des VfB Stuttgart und vom FC Sankt Gallen sind dabei. „Im Bus hierher habe ich die ersten SSV-Fans mit Trikots getroffen. Sowas gibt’s hier normalerweise nie!“, sagt Felix. Der 31-jährige Reutlinger ist mittlerweile Exil-Fan und lebt in Berlin. Beim Stadtduell dabei sein? Ehrensache. „Dieser Tag fühlt sich auf jeden Fall anders an, aber hauptsächlich wegen der Rahmenbedingungen und den vielen Zuschauern, die kommen. Und gar nicht so sehr wegen des Gegners. Natürlich steht die Stadtmeisterschaft auf dem Spiel, aber so wirklich ernst genommen habe ich Young Boys bislang nicht.“ Und trotzdem ist nicht nur zum Start des Fanmarsches zu spüren: Die SSV-Fans wollen ein Statement setzen: „Wir lieben Reutlingen! Da gibt’s nur einen Verein! Das muss der Nullfünf sein! Mein Sport- und Schwimmverein!“, stimmt die Fanszene beim Abmarsch als Statement an. Feuerwerk zerberstet in der Luft, Pyrofackeln brennen. Verdutzte Einheimische und Radtour-Touristen zücken die Handys und dokumentieren das Geschehen. In Reutlingen, da ist was los! Und der Ton, der ist gesetzt: Diese Stadt soll eine SSV-Stadt bleiben. Vor allem deshalb, weil sowohl der Klub als auch seine Fans den erstarkten Nachbarn konsequent ablehnen.
„Sportlich verdienen die Young Boys natürlich Anerkennung. Viele ihrer Spieler kommen aus der SSV-Jugend und haben ihr Handwerk bei uns gelernt“, sagt Sascha Schneider. Er ist Vorsitz des dreiköpfigen Vorstandes des Klubs und hat wie mittlerweile viele SSV-Mitarbeiter eine Vergangenheit in der Fanszene des Klubs. „Was wir allerdings strikt ablehnen, ist die Abhängigkeit von einem Verein von einer einzelnen Person. Denn als SSV haben wir selbst erlebt, wohin das führen kann.“ Dieses Reutlinger Stadtduell ist auch handfester ein Fußballkulturkampf.
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Auf der einen Seite: Der über 120 Jahre alte SSV Reutlingen, ein Traditionsverein par excellence, der Anfang der 2000er mit Armin Veh in die zweite Bundesliga stürmte, dann allerdings zu groß träumte und tief fiel: Geldveruntreuung, ein überdimensionierter Stadionneubau, und schlussendlich die Insolvenz samt Zwangsabstieg in die Oberliga. Nun geht der chronisch erfolglose Klub in seine nunmehr 17. Saison in der fünfthöchsten Liga, doch noch immer besuchen rund 1000 Menschen die Heimspiele, angetrieben von der Szene E, der leidensfähigen und kreativen Fanszene.
Und auf der anderen Seite: Die Young Boys Reutlingen. 2006 vom Reutlinger Vermögensverwalter Thorsten Bauer und zwei weiteren Freunden gegründet, hat sich der Klub vom Spaßprojekt längst zur ernst zu nehmenden sportlichen Größe mit starkem Sponsoring-Portfolio aufgeschwungen. Aufstieg um Aufstieg, dazu der Bau des eigenen Geländes neben der Kreuzeiche, das demnächst um Padel-Courts erweitert wird. Ist der SSV das Traditionsunternehmen, sind die Young Boys das hippe Start Up. Ihr Markenslogan: „Jung und hungrig.“
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Es ist ein Clash zweier Fußballkulturen, zweier grundsätzlich verschiedener Ansätze. Und zweier Parallelwelten, die trotz der örtlichen Nähe der Stadien operativ keine Berührungspunkte haben werden. Einst boten die Young Boys dem SSV eine Kooperation in der Jugend an. Der SSV lehnte ab, noch heute sagt Sascha Schneider: „Wir gehen unseren eigenen Weg mit Respekt zur Sache, mit Respekt auf dem Platz, aber definitiv ohne Zusammenarbeit.“ Und es ist ein Clash, der die Stadt verrückt macht. Statt der angekündigten 7000 Fans sind es schlussendlich 10.000 Zuschauer in der bebenden Kreuzeiche. Es ist die zweitgrößte Kulisse, die es jemals bei einem Oberliga-Spiel gab. Und der eingestaubte Fußballstandort Reutlingen, er bebt bei dieser Stadtmeisterschaft, die mit dem 0:0-Endergebnis zwar keinen Sieger findet, dafür aber etliche spannende Fragen zur Gegenwart und Zukunft des Reutlinger Fußballs aufwirft.
Sind die Young Boys eigentlich wirklich dieser Investorenverein, für den der SSV ihn hält? Was sagt Gründer Thorsten Bauer zu den Vorwürfen? Belebt diese Konkurrenz auf Dauer die Stadt oder findet hier doch ein Verdrängungswettbewerb statt? Und welche ist die eine große Lehre, die sich aus den Entwicklungen in Reutlingen für Gesamtfußballdeutschland ableiten lassen? All das klären wir in der neuen Folge unseres Podcasts „So ist Fußball“.