Zurück
54, 74, 90, 2014, aber auch 2003 und 2007: Im Flur des DFB-Campus sind sie alle zu sehen – die Siegertrikots der deutschen Fußballnationalmannschaften der Männer und Frauen, von Weltmeisterschaften, Europameisterschaften oder Olympischen Spielen. Ausgestellt sind sie in einzelnen, gut beleuchteten Vitrinen.
Vor der Vitrine mit dem Europameister-Trikot der Herren von 1980 steht Laura Reinholdtz auf einer Trittleiter und wischt die Oberseite des Glaskastens. Kurz zuvor hat sie sorgfältig die Unterseite abgeklebt – außer dem Glas soll nichts nass werden. Neben ihr fährt ein Reinigungsroboter seine Kreise. Mit einem Surren sammelt er Staub und Dreck auf. Reinholdtz kommt aus Sachsen und nimmt an diesem Mittwoch an der Deutschen Meisterschaft des Gebäudereiniger-Handwerks teil, die in diesem Jahr auf dem DFB-Campus in Frankfurt stattfindet.
F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen
Seit über 50 Jahren veranstaltet der Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks den Wettbewerb als Teil der Deutschen Meisterschaften des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Jedes Jahr treten die besten Junghandwerker aller Bundesländer in dem Wettbewerb gegeneinander an, wie Steffi Reuter erläutert, Geschäftsführerin des Bundesinnungsverbands für berufliche Bildung. In diesem Jahr hätten zwölf Teilnehmer die Zulassungsvoraussetzungen erfüllt – sie sind nicht älter als 27 Jahre und haben eine Gesellennote von mindestens „gut“ erzielt, viele von ihnen haben vorgeschaltete Landeswettbewerbe gewonnen.
Am Mittwoch treten sie in drei Disziplinen gegeneinander an. Es handelt sich um die Desinfektionsreinigung einer Umkleidekabine, die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine an den Vitrinen und eine Reinwasser-Reinigung von Außenjalousien mit einer Technik, die für die meisten Teilnehmer neu ist.
Dass die Innung meist prestigeträchtige oder außergewöhnliche Orte für die Meisterschaft wählt, liege daran, dass sie ihr Handwerk öffentlich präsentieren wolle, sagt Reuter. Außer dem DFB-Campus gehörten in den vergangenen Jahren das Rote Rathaus in Berlin oder der Freizeitpark „Heide-Park“ in Niedersachsen zu den Austragungsorten.
Die Gebäudereinigung sei „Deutschlands beschäftigungsstärkstes Handwerk“ mit mehr als einer Million Beschäftigten, sagt Reuter. Und dennoch wüssten gar nicht so viele Menschen, dass es sich um einen Ausbildungsberuf handelt.
Dabei sei sehr viel Fachwissen, besonders im Umgang mit verschiedenen Materialien und Chemikalien, notwendig, sagt Dirk Wollenberg. Der Bielefelder ist Teil der zehnköpfigen Jury und arbeitet selbst als Ausbilder. In der Gebäudereinigung könne schnell etwas zerstört werden. Die Prämisse sei daher „Reinigen, Pflegen, Schützen“. Deshalb werde auch nicht nur die Sauberkeit im Endergebnis bewertet, sondern auch die Sicherung des Arbeitsplatzes oder das Verhindern von Stolperfallen. „Es ist nicht das Ende, es ist der Weg dahin, der zählt“, sagt Wollenberg. Etwas anderes steht für ihn aber immer an erster Stelle: der Selbstschutz der Mitarbeiter. Oder wie Wollenberg es beiläufig abkürzt, die „PSA“, die persönliche Schutzausrüstung.
Daran hält sich auch Marco Rühl, der Wettbewerbsteilnehmer aus Hessen. Eine Schutzbrille tragend steht er an der Außenjalousien-Front im Eingangsbereich des DFB-Campus. Dort steigt er auf eine Leiter und beginnt, in etwa zweieinhalb Meter Höhe die Jalousien mit einem speziellen Reinwasser-Gerät zu reinigen. Bei dieser Methode kommen keine Chemikalien zum Einsatz, sondern lediglich Wasser, das durch Filtration einen Reinheitsgrad von mehr als 99 Prozent habe, erklärt Prüfer Wollenberg. Eine nachhaltige Reinigungsmethode.
Der 23 Jahre alte Rühl hat im Dezember seine Ausbildung abgeschlossen. An seinem Handwerk gefalle ihm vor allem „die Vielseitigkeit“, sagt der Kelsterbacher. Diesen Punkt stellen gleich mehrere Teilnehmer heraus – Gebäudereiniger seien viel unterwegs, hätten fast jeden Tag neue Aufgaben und kämen in Gebäude und Räume, die andere normalerweise nicht betreten dürfen.
Außerdem sehe man klare Ergebnisse der eigenen Arbeit, sagt Reinholdtz. Ihr gefalle an dem Beruf „vor allem das Vorher/Nachher“. Wenn sie einen Raum verlasse, sehe sie, was sie geschafft habe.
Viele Menschen wüssten nicht, was hinter dem Beruf steckt, sagt Bundesinnungs-Geschäftsführerin Reuter. Deshalb müssten sich die jungen Handwerker im Freundes- und Bekanntenkreis oft für ihren Beruf erklären oder rechtfertigen. Die Meisterschaft fördere die Anerkennung des Gebäudereiniger-Handwerks.
Zwischen zwei Wettbewerbsrunden kommt am Vormittag dann plötzlich Aufregung unter einigen Teilnehmern und Mitarbeitern auf: Es spricht sich herum, dass DFB-Sportdirektor Rudi Völler die Teilnehmer im Gebäude begrüßen werde. Einige Minuten später kommt Völler tatsächlich vorbei und macht ein Foto mit den Teilnehmern und der Jury. Mit einem Grinsen und den Worten „Viel Glück, und macht eure Sache gut“ verabschiedet er sich wieder. Für Reuter ist sein Besuch „eine schöne Wertschätzung“ für die Teilnehmer und das Handwerk.