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Wieder ein rätselhafter Einbruch: BVB ist nur bedingt Bayern-bereit
Krisengespräch auf dem Platz: BVB-Kapitän Nico Schlotterbeck (4.v.l.) redet nach dem 2:2-Ausgleichstor der Bremer energisch auf seine Mannschaftskollegen ein.© AFP | Fassbender

Waldemar Anton hatte die Kapuze seines Pullovers tief über die Stirn gezogen und blickte grimmig in die Dortmunder Nacht. Vielleicht hatte der Abwehrspieler von Borussia Dortmund den Philosophen Karl Marx im Sinn, der einst erklärt hatte, dass sich alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen zweimal ereignen: „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Sehr viel wahrscheinlicher aber war, dass Anton über die eigenen Unzulänglichkeiten grübelte, die es ihm unmöglich machten, den emotionalen 3:2 (2:0)-Sieg in der 2. DFB-Pokalrunde gegen den SV Werder Bremen zu feiern.

Denn die Dortmunder hätten es fast noch toller getrieben, als es sich selbst Marx hätte ausmalen können: Die Tragödie hatten sie ja schon im August 2022 zur Aufführung gebracht, als sie im Bundesliga-Heimspiel gegen Werder Bremen in der 89. Minute 2:0 führten und noch 2:3 verloren. Die Farce lag bei Antons Auftritt am Dienstagabend erst 18 Tage zurück, als die Schwarz-Gelben immerhin bis zur 87. Minute 2:0 führten und sich noch ein 2:2 abtrotzen ließen. Und die Älteren – wenngleich nicht ganz so alt wie Marx – werden sich erinnern, dass der BVB im fernen Mai 2019 einst in Bremen durch ein 2:2 nach 2:0-Führung die Chance auf die Meisterschaft endgültig verspielte.

BVB-Abwehrchef Anton schimpft trotz 3:2-Sieg

Und nun erneut eine 2:0-Führung durch Serhou Guirassy nach einem der schönsten Spielzüge der Saison (6.) und durch Carney Chukwuemeka (17.), die egalisiert wurde durch einen Doppelpack des einstigen Dortmunders Niclas Füllkrug. Der war erst nach einer knappen Stunde gekommen, hatte zehn Minuten später aber durch einen Foulelfmeter (65.) und ein Solo samt Tunnel gegen Anton und präzisen Fernschuss (69.) für den Ausgleich gesorgt. Das verhagelte dem Abwehrchef gehörig die Laune, und das vermochte auch der umjubelte Freistoß-Siegtreffer durch Marcel Sabitzer in der Nachspielzeit nicht zu beheben. „Wir dürfen nicht zufrieden sein“, schimpfte der Abwehrchef.

Denn dieses wilde Auf und Ab ist durchaus sinnbildlich für die jüngeren Auftritte des BVB. Vordergründig stimmen die Ergebnisse meist, die reinen Zahlen sehen gut aus: Achtelfinal-Einzug im DFB-Pokal, in der Bundesliga punktgleich mit Spitzenreiter Bayern München und auch in der Champions League auf Rang 13 einigermaßen im Soll. Wären da nicht die permanenten Schwankungen, mit denen sich der BVB das Leben selbst schwermacht. „Wir verlieren unsere Struktur, machen vielleicht nicht mehr die Meter, die wichtig sind, gewinnen die zweiten Bälle nicht mehr und verlieren die wichtigen Zweikämpfe“, schimpfte Anton. „Das darf nicht passieren, da muss sich jeder an die eigene Nase fassen und zusehen, dass das in den nächsten Spielen abgestellt wird.“

BVB-Sportdirektor Book: Bayern „eine der besten Mannschaften der Welt“

Bestenfalls schon im nächsten, denn der Samstagabend hält für die Dortmunder die schwierigste Aufgabe bereit, die der deutsche Fußball zu bieten hat: ein Auswärtsspiel beim FC Bayern München. Die gute Nachricht: Der Rekordmeister hat keinen Niclas Füllkrug in seinen Reihen. Die schlechte: Dafür hat er einen Harry Kane, frisch mit dem Ballon d’Or ausgezeichnet und gegen den BVB traditionell in Torlaune. Dazu Michael Olise, Serge Gnabry und viele andere Spieler aus dem höheren Regalen. „Es ist eine der besten Mannschaften der Welt, die da auf uns trifft“, sagt BVB-Sportdirektor Ole Book. „Wir wissen, welche Variabilität und welche Qualität die haben, welche Offensiv-Power auch. Da müssen wir in allen Bereichen unsere Top-Leistung bringen, wenn wir da etwas holen wollen.“

Engagiert an der Seitenlinie: BVB-Trainer Niko Kovac.© AFP | Fassbender

Leicht gesagt, schwer umgesetzt. Erst recht gegen eine Klassemannschaft wie die Bayern, wenn es ja schon gegen Mittelklasseteams wie Bremen nicht verlässlich funktioniert. Seit Wochen verlangt BVB-Trainer Niko Kovac von seiner Mannschaft gebetsmühlenartig, dass sie das Heft des Handelns mal für 90 Minuten in der Hand behalten solle. Seit Wochen bleibt ihm dieser Wunsch verwehrt. So bleibt der BVB bedingt Bayern-bereit. Und vor wie hinter den Kulissen rätseln die Dortmunder über die Gründe für die Leistungsschwankungen, und je nachdem, wen man spricht, hört man unterschiedliche Antworten.

BVB-Zugang Joey Veerman sieht keinen Unterschied zum FC Bayern

Aussetzer in der Konzentration seien immer auch ein Zeichen, dass die Qualität eben doch nicht auf dem Niveau sei, wo man sie vermute, sagen die einen. Die Mannschaft sei immer dann erfolgreich, wenn sie mutig auftrete, wenn sie bestimmend statt abwartend agiere. Und schon ist man wieder bei der Uralt-Debatte, ob die Probleme eher im Kader oder eher in der Herangehensweise des Trainerteams liegen.

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Eine sehr kleine Denkschule, aktuell beschränkt auf einen Niederländer, sieht es derweil ganz anders. „Warum sollen die Bayern besser sein als wir?“, fragt Joey Veerman. „Wir haben in der Bundesliga gleich viele Punkte und in der Champions League einen mehr. Ja, sie haben einen guten Kader – aber den haben wir auch.“ Damit das auch zu sehen ist, „müssen wir unsere Top-Leistung abrufen“, fordert Anton. „Da muss, alles funktionieren, da muss jeder da sein.“ Dem Münchener Großkapital die Kraft der eigenen Arbeit entgegensetzen – dieser Plan hätte auch Marx schon gefallen.

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