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Der Frust war groß nach dem Aus im DFB-Pokal. Behebt Mainz 05 nicht schnell die bedenklichen Schwachstellen, droht ein Abrutschen in der Bundesliga. Eine kommentierende Analyse.
Bochum. Urs Fischer suchte nach den richtigen Worten, um die 90 Minuten zu erklären, die an dem Trainer von Mainz 05 sichtlich nagten. „Ängstlich, keine Power, keine Dynamik, unpräzise, die Überzeugung fehlte von der ersten Minute an“, waren erste Beschreibungen, die dem Schweizer nach dem DFB-Pokal-Aus bei Zweitligist VfL Bochum (0:2) einfielen und im Fazit endeten: „Bochum wollte es mehr. Wir hatten heute kein Rezept.“ Die Serie an Auswärtssiegen endete mit einem lauten Knall – und doch nicht ganz zufällig. Denn viele Muster, die sich beim Bundesligisten festigen, bergen große Gefahren, wenn sie nicht bald durchbrochen werden.
Fehlende Konstanz: Erledigt hat sich mit der Bochum-Blamage, nach der 2.500 enttäuschte 05-Fans das Stadion verließen, die Geschichte vom schwachen Heim- und vom starken Auswärtsgesicht. Als Problem bleibt die fehlende Konstanz. Die starke Rückrunde, der Verbleib aller Leistungsträger und die Vorbereitung ohne Niederlage ließen viele Fans von Europa träumen.
Beständig sind inzwischen nur die Schwankungen bei den 05ern. Wo die oft beschworenen Basics in Spielen gegen Frankfurt, Leverkusen und Bremen in einzelnen Episoden fehlten, tauchten sie in Bochum über das gesamte Spiel gar nicht auf. Sportdirektor Niko Bungert vermisste die Mainzer Stärke, „dass wir ein giftiger Haufen sind, der Duelle führen und gewinnen will“. Fischer hatte im Vorfeld noch vom Pokal-Wettbewerb mit all seinen Chancen geschwärmt. Vergeblich. Auf dem Platz fehlte das Feuer.
Fehlende Kreativität: In Bochum fanden die 05-Profis kein Mittel gegen den tief stehenden Gegner, weil sie zu statisch spielten. Im Aufbau schlichen sich zu viele Fehlpässe ein, Spieler wie Jae-sung Lee wirkten in der Mittelfeld-Umklammerung wie erstarrt. Sheraldo Becker fand keine Tiefe, um sein Tempo auszuspielen. Der Respekt vor Phillip Tietz ist inzwischen groß genug, dass ihn gleich mehrere Verteidiger körperlich bearbeiten und aus dem Spiel nehmen. Silvan Widmer lieferte nicht ansatzweise die Flankenstärke von Anthony Caci, der zunächst auf der Bank saß. Der Kapitän gehörte dafür zu den Verteidigern, die sich zu weit nach vorn locken ließen. Was ein weiteres Problem auslöste.
Wir sind nach einfachen Ballverlusten oft in einen Konter gelaufen und mussten 50, 60 Meter zurücksprinten.
PM
Phillipp Mwene 05-Verteidiger
Konter-Anfälligkeit: Ging der Ball verloren, rächte sich das weite Aufrücken der Verteidiger, weil bei Mainz die Balance fehlte. Spielte schon Bremen seine Angriffe vor den Toren über schnelle Konter auf den Flügeln aus, leitete auch Bochum seinen Pokal-Coup über diesen einfachen Weg ein. „Wir sind nach einfachen Ballverlusten oft in einen Konter gelaufen und mussten 50, 60 Meter zurücksprinten“, monierte Mwene. Die Abwehr (Stefan Posch, Kacper Potulski, Danny da Costa) schafft es momentan kaum, diese Fehler auszubügeln. Wird das Trio in Duelle im Strafraum verwickelt, trifft es oft die falschen Entscheidungen. Verursachten ungestüme Zweikämpfe zwei Elfmeter gegen Bremen, griff die Defensive in Bochum nur halbherzig vor den Gegentoren ein. Und auch im zentralen Mittelfeld war der Fokus auf aggressives Pressing schon deutlich schärfer gestellt.
Verschlafene Anfangsphasen: Glückte der Saisonstart (0:0 gegen Paderborn, 5:0 beim HSV), häuften sich danach schlafmützige Anfangsphasen gegen Frankfurt, Leverkusen und Bremen. In Bochum kassierten die 05er 25 Sekunden nach der Halbzeit-Ansprache das 0:1. Die Spieler hören den Wecker zu spät: 12 der 15 Gegentore in dieser Saison fielen in den ersten 25 Minuten der ersten Halbzeit und in den ersten 25 Minuten nach Wiederanpfiff.
Leistungsträger schwächeln: Vor allem die WM-Fahrer suchen nach ihrer Normalform. Kaishu Sano durchlebt seine schwächste Phase in Mainz. Abwehrchef Stefan Posch erlaubt sich ungewohnt viele Patzer. Nadiem Amiri, der beim Pokal-Aus wegen Knieproblemen fehlte und in Instagram-Storys viele Glückwünsche zu seinem 30. Geburtstag repostete, wartet auf sein erstes Bundesliga-Saisontor. Schwächeln die Säulenspieler oder fehlt es an der nötigen Ernsthaftigkeit, wird es schwer. Im Pokal kämpften nahezu alle Spieler mit ihrer Leistung. Und verloren.
In Elversberg wollen wir wieder mit gefletschten Zähnen auf dem Platz sein.
NB
Niko Bungert 05-Sportdirektor
Hoffen auf Wiedergutmachung: Als Bundesliga-Siebter rauscht die Mainz-05-Aktie derzeit nicht in den Keller. Wiederholen sich aber die Muster, droht in der Tabelle ein Absturz. So einschneidend schlecht wie in Bochum präsentierte sich Mainz 05 in den vergangenen Jahren selten. Am Freitag geht es zur SV Elversberg (20.30 Uhr). „In Elversberg wollen wir wieder mit gefletschten Zähnen auf dem Platz sein“, fordert Bungert. Nun liegt es am Team und taktisch auch an Urs Fischer zu zeigen, dass die Worte keine Durchhalteparolen sind.